Neben der Rede des amerikanischen Außenministers haben in Deutschland seit Kriegsende die Vorträge des großen englischen Politikers Lord Beveridge den stärksten Eindruck hinterlassen. Insbesondere hat die deutsche Jugend, deren Vertrauen so leicht nicht zu gewinnen ist, ihm mit dankbarer Aufmerksamkeit zugehört. Sie begrüßt in ihm den Vertreter jener englischen Demokratie, die ihr als Vorbild der Freiheit nur vom Hörensagen bekannt war. Nach seiner Rückkehr nach England hat Lord Beveridge seine Eindrücke in der „Times“ geschildert.

So schrieb der alte liberale Staatsmann: „In gleicher Weise,-wie wir in Potsdam uns darauf festlegten, Deutschland zu einem armen Land zu machen, legten wir uns auch auf eine Politik der Denazifizierung fest. Dies erfordert, daß diejenigen, die mehr als nominell Mitglieder der Partei waren, von allen verantwortlichen Posten, öffentlichen wie privaten, entfernt werden müssen, ... Die Politik, die wir uns in Potsdam zu eigen gemacht haben, ist eine Politik, die nur für einen totalitären Staat paßt. Sie beruht auf dem Grundsatz, daß kein Mensch Einfluß haben darf, es sei denn, er gehöre zu einer gebilligten Partei oder bekleide eine öffentliche Stellung, so daß er jeden Augenblick unschädlich gemacht werden kann, indem man ihn entläßt. Dies ist kein demokratischer Grundsatz. Je eher wir dieses totalitäre Verhalten aufgeben, sowohl in dieser wie in anderer Hinsicht, desto besser würde es sein. ... Wir können unsere Zone in Deutschland nicht räumen, ohne das meiste aufzugeben, für das wir in diesem Krieg gefochten haben. Wir können anderseits, so wie die Verhältnisse sich gestaltet haben, nicht dortbleiben, ohne erhebliche materielle und noch größere moralische Kosten. Die materiellen Kosten der Besetzung sind im Augenblick für unsere Zone schwerer als für andere, gerade weil unsere Zone so hoch industrialisiert ist. Die moralischen Kosten sind noch größer, weil unsere Handlungen in einem so auffallenden Gegensatz stehen zu den Traditionen, auf die wir pochen – Toleranz, Gerechtigkeit, Demokratie –, und, es sei hinzugefügt, zu unserer Propaganda, die wir den Deutschen gegenüber während des Krieges betrieben haben. Die Zeit ist gekommen, einen neuen Kurs einzuschlagen. Es ist ein vitales britisches Interesse, aus der britischen Zone Deutschlands eine Zone zu machen, in der ein zufrieden gedeihendes und freundschaftlich gesonnenes Volk, lebt, das an unsere Demokratie glaubt, weil es sie für gerecht und human hält. Wir können dies sehr wohl tun gegen einen Krieg von deutscher Seite. Wir können dies jedoch nie. erreichen, wenn wir den augenblicklichen Kurs beibehalten.“

Es sind zwei Dinge, auf die Lord Beveridge hier – hinweist. Er beklagt die Abhängigkeit der britischen Politik von den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz – es war ein „unheilvoller Augenblick“, so sagt er an anderer Stelle, als wir uns dieser Politik ergaben. Und er warnt davor, daß eben die Fortsetzung dieser Politik ein fundamentales Gesetz der Demokratie verletze, das Recht des einzelnen, seine eigenen Ansichten nach seinem Gewissen zu vertreten. Diesen Gewissenszwang hat er im Auge, wenn er das Wort „totalitär“ gebraucht, und gegen ihn wendet er sich mit der Aufrichtigkeit des alten liberalen Politikers. Daß dies nicht etwa bedeutet, Verbrechen sollten ungesühnt bleiben, oder Verbrecher müßten amnestiert werden, ist selbstverständlich. Nur das Schema wird von dem englischen Staatsmann in Frage gestellt, das Schema, nach dem bestimmt wird, wer ein Verbrecher sei. Er wendet sich gegen eine arithmetische Feststellung der Schuldigen, die dazu beiträgt, die Existenz des Individuums zu negieren.

Die neuen Denazifizierungsbestimmungen, die unter Nr. 38 der Verordnungen für die britische Zone erlassen worden sind, gehen auf die Verordnung Nr. 24 des Kontrollrates und damit auf die – Potsdamer Beschlüsse zurück. In ihnen spiegelt sich also notwendigerweise der Konflikt wider, von dem Lord Beveridge spricht. Die Verordnung Nr. 24 des Kontrollrates stellt 98 Klassifizierungen auf für Personen, die aus öffentlichen und halböffentlichen Stellungen zu entfernen sind, es sei denn, sie können ihre Schuldlosigkeit nachweisen. Die britische Verordnung Nr. 38 enthält Ausführungsbestimmungen. Sie faßt die 98 Gattungen in fünf Kategorien zusammen unter den Rubriken: Verbrecher, Übeltäter, weniger bedeutende Übeltäter, Parteigänger und entlastete Personen, und nennt zum erstenmal die Strafen und Sanktionen, die denen drohen, Nazis sowohl wie Militaristen und Unzuverlässigen, die unter dieses Schema fallen. Man sieht, auch hier wird an eben jenem Grundsatz festgehalten; gegen den sich Lord Beveridge wendet.

– Es zeigt sich wieder, wie schwer es für uns, die wir jahrelang von der Welt abgeschnitten waren, nunmehr ist, uns in das Denken anderer Staaten und Völker wieder hineinzufinden. Zweifellos argumentierten wir viel zu primitiv, wenn wir meinten, es genüge, die uns verhaßten Grundsätze des Nationalsozialismus auszumerzen und das Individuum wieder in seine Rechte einzusetzen, um die Prinzipien der Demokratie zu entwickeln.

Die Verordnung Nr. 24 des Kontrollrates beginnt mit folgender Erklärung: „Die Dreierkonferenz vereinbarte als eines der Ziele der Besetzung Deutschlands die Entfernung aller Mitglieder der NSDAP welche aktive und über den Rahmen bloßer Mitgliedschaft hinausgehende Teilnehmer an Parteiangelegenheiten waren, und aller anderen Personen, die den Zielen der Vereinten Nationen feindselig gegenüberstehen, von öffentlichen und halböffentlichen Stellen sowie von einflußreichen Positionen in wichtigen Privatunternehmen.“ Unter – den Personen, die hier gemeint waren, verstanden wir außer den Nazis die Kriegshetzer und die Gegner der Demokratie.

Dies genügt offenbar nicht. Unsere Definitionen sind zu vage. Uns galten als Kriegshetzer die, die wir sonst auch Militaristen, nannten, also Menschen, deren Denken und Handeln darauf abzielt, Kriege zu entfesseln. Die Definition der neuen Verordnung Nr. 38 geht sehr viel weiter. Nach ihr sind Militaristen „Personen, die kraft ihres Berufes militärische Kenntnisse besitzen, die der Sache der Alliierten gefährlich werden könnten“. Dazu gehören, als „weniger bedeutende Übeltäter“ klassifiziert: alle ehemaligen Berufsoffiziere und außerdem jeder andere Offizier, Unteroffizier oder ranglose Angehörige der deutschen bewaffneten Macht und der zivilen Luftschiffahrt nach dem Ermessen des Militärgouverneurs; ferner als „Parteigänger“: alle Flugzeugführer, Beobachter und Hilfsbeobachter, unbeschadet des Ranges, alle technischen Unteroffiziere im Range eines Feldwebels oder Oberfeldwebels usw. Sie sind Sanktionen unterworfen, und zwar gelten für sie, abgestuft nach der Kategorie, in die sie eingereiht sind, politische Beschränkungen, Anstellungsbeschränkungen und Bewegungsbeschränkungen. Damit wird der Sinn jener Meldepflicht offenbar, die kürzlich verordnet wurde und über die sich Beteiligte und Unbeteiligte den Kopf zerbrochen haben.