DIE ZEIT

Guy Mollet, der neue Generalsekretär der französischen Sozialdemokratie, hat einen Fünfjahresplan der Hebung der Kaufkraft der breiten Masse angekündigt. Dieser Plan wird von sozialdemokratischen Ministern und Parteisekretären ausgearbeitet und soll bei den kommenden Wahlen unterbreitet werden.

Was ist denn nun aus dem Monnet-Plan geworden? So wird der für Frankreich interessierte Leser fragen. Dieser Monnet-Plan sah Ausgaben von 6,5 Milliarden Dollar zum Ausbau der französischen Produktionsmittel vor. So sollte die Kohlenförderung um 40 v. H. erhöht werden, die Produktion von Nichteisenmetallen und Maschinen um 60 v. H., die von Konstruktionsmaterial, die der Elektrizitätswirtschaft und die der Stahlindustrie sogar um 100 v. H. Frankreichs Stahlindustrie würde damit die britische übertreffen.

Der Gegensatz zwischen den Plänen von Mollet und Monnet ist erheblich. Mollet geht von der Unzufriedenheit der breiten Masse aus. Diese verlangt, daß jetzt – zwei Jahre nach dem Ende der deutschen Besetzung – das Leben endlich wieder etwas leichter werde. Mollet will diesen Wünschen Rechnung tragen und die Besserung der Lebensverhältnisse in den Vordergrund stellen. Monnet dagegen sieht das Grundübel darin, daß die französischen Produktivkräfte zu wenig entwickelt seien und will diese Lücken ausfüllen. Erst wenn das geschehen sei, würde eine Erhöhung des Lebensstandards möglich sein, aber bis dahin müßte der Riemen engergeschnallt werden.

Der Monnet-Plan ließ damals die Welt aufhorchen, aber seit einiger Zeit ist es still um ihn geworden. Die Regierung Bidault fördert nicht mehr in demselben Maße wie einst die Regierung de Gaulle – den Monnet-Plan, sondern neigt immer mehr zu Mollet hin. Im Vordergrund des kürzlich von Bidault verkündeten Programms stand bezeichnenderweise neben dem allmählichen Abbau der Bewirtschaftungsmaßnahmen die Förderung der Produktion von Gebrauchsgütern.

Wenn jetzt vielleicht die Ideen Mollets die französische Wirtschaftspolitik bestimmen sollten, dann würde dadurch sicherlich eine politische und soziale Entspannung erreicht, was nicht unwichtig wäre. Aber die Entwicklung der französischen Produktivkräfte würde gehemmt. W. G.