Der Ausdruck soll während des ersten Weltkrieges entstanden sein. Er ist ein Stück Frankreich und ein Programm. Er ist bei unseren Nachbarn so geläufig, wie etwa das Wort „kaputt“ bei uns, so daß es sich lohnt, ihn kennenzulernen. Das „D“ steht als Abkürzung für „débrouille-toi“ (wenn man sich zivilisiert ausdrücken will) oder für „démerde-toi“ (wenn man grob sein will und das Wort nicht scheut, das auch deutschen Soldaten in allen Lagen ein Trost war). Übertragen bedeutet der Ausdruck: Sieh zu, daß du zurechtkommst, mach, daß du aus dem Schlamassel rauskommst, beiß dich irgendwie durch, hilf dir selbst!

„La brouille“ ist für den Franzosen das Unsinnige in der Welt, das Chaos, das Widerwärtige, das Sinnlose. Auch „brouillard“, der widerwärtige Nebel, hängt damit zusammen. „La merde“ ist eben das, worin die Soldaten meistens staken. Also sich zu „disbrouillieren“ oder – in ganz schlimmen Fällen – sich zu „dismerdieren“ ist der Sinn, den man mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes in die chaotischen, unvernünftigen Dinge des Lebens und manchmal des Sterbens bringen muß.

Daß die Franzosen diese Haltung zum System erhoben haben und es in allen Klassen und allen Lebenslagen gern anwenden, setzt Mißtrauen voraus. Mißtrauen gegenüber den Dingen, die die Einzelpersönlichkeit umgeben, gegen die festen Regeln, gegen die Schule, wenn man jung ist, gegen den Staat und’seine Übermacht. Es setzt auch Vertrauen voraus, nämlich das Vertrauen auf die Macht des Verstandes, auf den Wert der Persönlichkeit.

Ein Befehl wird irgendwo „hinten“ geboren, er kommt verdreht oder richtig „vorn“ an Der letzte Übermittler schaut in die fragenden, verständnislosen Augen des Menschen, der diesen Befehl nun auszuführen hat. Er übermittelt ihn mit befehlskräftiger Stimme und fügt dann mit menschlichem Ton hinzu: „...und dann: Systeme D.“ Irgendwie wird der Befehl ausgeführt, und der Wert des Ausführenden als Mensch findet Berücksichtigung soweit als möglich – „Systeme D“.

Ein junger Lehrling in einer Pariser Autowerkstatt träumt davon, einmal ein Grundstück an der Marne zu besitzen. Sein Lohn als Lehrling würde das in nebelhafter Ferne schieben. Er arbeitet am Tage und überlegt, wie er nachts auch noch Geld verdienen kann. Er schläft in einem Wagen in der Garage, macht so den Nachtportier, heimst Trinkgelder ein. Am Ende seiner Lehrzeit kauft er sich ein Grundstück an der Marne. „Systeme D.“

Das Benzin wurde knapp in Paris, als der Krieg über die Stadt rollte. Ohne Taxi kann man in Paris wirklich schlecht leben. Und sie waren so schön! Dann baut man in ein Taxi ein Tretwerk – oder um ein Fahrrad herum ein Taxi –, und es geht wieder, auch ohne Benzin. „Systeme D.“

Hoffen wir, daß der Geist des „Systeme D“, der in so reichem Maße rings um das Palais du Luxembourg lebt und wirkt, auch bei der Friedenskonferenz Eingang in die Köpfe und Herzen finden möge. Sollte man wirklich Auswege aus verfahrenen Situationen suchen, man möge einen „gavroche“, einen der Straßenjungen von Paris, fragen:

„Systeme D“, würde er sagen, und das soll heißen Debrouillez-vous mit gesundem Menschenverstand, mit ein bißchen Findigkeit, mit zähestem Wollen. W. L.