Merkwürdig! Wenn man ehedem, bei der Arbeit, zum erstenmal auf die Uhr schaute, dann waren vielleicht zwei Stunden vergangen. Wenn man es jetzt tut, erschrickt man. Denn immer ist schon der ganze Vormittag, die halbe Nacht herum. Das gab es früher, auch – zuweilen, und dann war’s ein erfreuendes Zeichen: daß einem vor lauter Hingenommensein die Zeit „wie im Fluge“ vergangen war. Jetzt, wo das zum Dauerzustand wurde, dürfte davon kaum die Rede sein.

Was könnte es nach alledem sein? Ein Zeichen unserer Entkräftung? Ja, das ist es wöhl. Wunderlicher Automatismus „Mensch“! Man verlangt von dir, was man von keinem deiner zeitlichen Abgötter, von keiner Maschine sich zu verlangen getraute: nämlich daß du in guter Ordnung produzieren sollst, ohne daß man dich speist, ohne daß man dir entsprechend Kohle, Benzin, Öl oder elektrischen Strom zuführt. Freilich, du bist eben keine Maschine; denn du kannst, eine Weile wenigstens, über deine Kraft leben. Du kannst ungeahnte Kraftreserven aus dem Leib, aber mehr noch aus der Seele mobilisieren. Du kannst so. während du schaffst und hergibst, dich buchstäblich selber dabei „aufzehren“.

Etwas ist das Leben, das liebevolle und das schöpferische, zu allen Zeiten ein Aufzehren gewesen. Über die Kraft leben, will sagen: sich opfern können, ist eines der Zeichen kreatürlicher Freiheit. Der Mensch hat ihr nur seine besonderen Weisen hinzugefügt. Insofern also wäre nichts Beunruhigendes dabei, daß wir uns, wie eine Vogemutter für ihre Brut, für unser Werk verzehren. Oder doch?

Mir scheint, die Schwermut, die uns jetzt befängt, hat dennoch Grund. Sie kam über uns mit der Einsicht, daß wir unser Werk nicht tun dürfen (unser so notwendiges Werk des äußern wir innern Aufräumens), weil unsere Kräfte nicht zureichen. Viele von uns werden nicht mehr zu dem kommen, was sie sich vorgesetzt haben und was zu tun jedem auf seinem Posten geziemend und uns allen so bitter nötig wäre. „Keiner ist gehalten, darüber hinauszukönnen.“ Ein trister Satz: dieses ultra posse nemo tenetur. Wer, wenn er nicht ein armseliger Tropf ist, möchte sich dabei bescheiden!

Aber wahr bleibt es, daß die Natur ihren Zoll verlangt. Und während wir in Schwäche müssen bleiben lassen, was wir trotz allem tun möchten. haben wir immerhin Gelegenheit, das sinnvoll gesteuerte Instrumentarium unseres beseelten Leibes – noch während es uns zunehmend im Stich läßt – zu bewundern. Denn jenes so rasche Vergehen der Zeit, das uns zu Anfang beunruhigte, ist ja wohl anderseits ein Schutz. Wir sind einfach, ohne es zu ahnen, auf einen „langsameren Gang“ umgeschaltet worden. Unsere Natur, hoffnungsvoller als unser Verstand, sucht damit unsere Kräfte vor dem letzten irreparablen Verschleiß zu bewahren. „Eines Tages wird es wieder besser werden.“ Nach dieser Maxime handelt sie, indem sie unauffällig unsere Funktionen und damit zeitweise sogar die wache leidenschaftliche Erkenntnis des Unheils dieser Zeiten und die Verzweiflung dämpft.

Nicht nur die zum Rosten in die Ecke gestellt sind – wir alle leben nur noch halb. „Eines Tages“, gewiß, wird wohl auch dieses alte und geliebte Land die Seinen wieder nach ihrer Notdurft stillen und trösten. Aber wie viele von uns werden diesen Tag noch – mit leidlicher Kraft zu neuem Beginn gerüstet – erleben...? Hanns Braun