Von Wilhelm Lehmann

Vor und nach der geläufigen Zerreißung in Geist

und Sinnlichkeit, Verstand und Gefühl, Reflexion und Anschauung besteht, ob sie nun bloß unser Bewußtseinszustand ist oder mehr und anderes, die Welt als ein Ganzes. Immer wieder geht dieses Ganze in jener Geläufigkeit verloren, es immer wieder zu erreichen ist die Absicht der Kunst. Ihre wahren Gebilde weilen in einem Reich, das zwischen Materie und Geist liegt: sie nehmen vom Allgemeinen, sie nehmen vom einzelnen, sie mischen die Teile so zärtlich, daß sie nahtlos miteinander verwachsen wie die Blätter gewisser Blütenkronen. Ehe das Kunstgebilde dahin gelangt, kämpft es mit dem Ansturm der großen Parteien des Allgemeinen wie des Konkreten, des Denkens wie des Sinnens, der Reflexion wie der Anschauung. In vielen Gedichten nistet noch Rhetorik oder vordringliche Besonderheit: sie haben keinen haltbaren Bund stiften können. Nichts verzeiht man schwerer als einem Gedicht die Mittelmäßigkeit. Welch Geben und Nehmen aber im Vollendeten, wie hebt sich in seiner Leichtigkeit wie in einem gelungenen Naturprodukt die überstandene Mühsal auf! Wo aber die Anstrengung sichtbar ist, war sie vergeblich.

Wenn Poesie zu genießen so gut ein Talent ist als Poesie zu bringen, wie Friedrich Hebbel sagt, kann die genauere Erinnerung an die Gefahren des Weges, der zu ihr führt, beiden, dem Urheber wie dem Empfänger, nützen.

Es hat Zeiten gegeben, da Götter lenkten: Apollon und Dionysos (auch sie große, zwingende Dichtungen). Die Götter tauchten wieder unter in der Brust des Menschen. Das Gemüt des einzelnen war bescheiden ins Ganze verteilt gewesen und hatte, keine Trennung in außen und innen vernommen. Es kehrte, müde am Objekt geworden, in sich zurück und wurde langsam mächtig. Noch den mittelalterlichen Sängern diktierten bestimmte Situationen des allgemeinen, öffentlichen Daseins die Gefühle, also seine Sprech- und Sangweise. Solger nannte die alte Welt eine Welt der Gattung, in der modernen aber sei der Erstgeborene das Individuum, das Geschick des Menschen nun die Individualität. Schicksal und Gemüt, drückt sich Novalis aus, werden Namen eines Begriffes (er sah von da aus wieder ein Übergehen in die Völkermassen und dann in die Gattung voraus, wobei an Bert Brechts Ideen des Kollektiven, des großen Saales, gedacht werden mag). Die Romantik weitet das Reich des Innern ins Unermeßliche, taucht in das Meer der Nacht, des Schlafes, des Todes, preist die Frömmigkeit des Dunkels, rügt die Frechheit des Lichts, nennt es „arm und kindisch“ als den Gegner des Instinkts: die Raupe, die sich, vom Arm der Natur gehalten, dem nur geahnten Schmetterling zulebt, sage das Wesen der zeugenden Dunkelheit aus. Mittel zugleich und Todfeind wird den Romantikern der Intellekt. Um die gleiche Zeit des Jahrhundertendes kämpft der englische Zeichner und Dichter William Blake gegen Joshua Reynolds, der Geniale gegen den Verständigen, die Imagination gegen die Ratio.

Klassik und Romantik wechseln stets einander ab als eingeborene Bewegungen des Menschen. Das Äußere, vom Innern im Stich gelassen, meldet seine Ansprüche, will beachtet werden. Inneres und Äußeres sehnen einander herbei. Bewußtes und Unbekanntes brauchen einander. Der Riß will geheilt werden. Im eigenen Bezirk strebt die Romantik zum Objekt, zu den Bindungen zurück und vorwärts; immer wieder durchlebenswert ihre Anstrengungen bis zu Schelling hin.

Das vielgeschmähte neunzehnte Jahrhundert wurde sich in einigen ausgezeichneten Köpfen schärfer klar über die Situation, als man heute denkt. Apollinisch-dionysisch wird Nietzsches Ausdruck für die Spannung. „Der gute Wille“, zeichnet Erwin Rohde in einem frühen Brief an den großen Freund die Wirklichkeit, „fst gewiß das Schätzenswerteste am Menschen. Ihn mit einer mutigen Einsicht in die grauenhaften Bedingungen der Weltexistenz vereinigen zu können, ist nur wenigen, eigentümlich Gearteten gegeben.“ Solche Forderungen der Klarheit haben für die Dichtung denkende Künstler wie Poe und Baudelaire vorgearbeitet. Baudelaire wehrte sich gegen den Versuch, dem Genie die Verständigkeit abzustreiten, und Erwin Rohdes Worte scheinen zart Paul Valérys Phaidros vorauszunehmen: „Das Leben wird schwarz über der Berührung mit der Wahrheit, so wie der zweifelhafte Pilz, wenn er, zerdrückt, mit der Luft in Berührung kommt.“ Goethe war gewappneter, er verschloß das Entsetzliche in der Brust, er besaß jenen klaren, nicht grüblerischen, nicht fanatischen Götterblick, der sich leidenschaftlich genug in die Dinge eingräbt, aber nur so weit, als das Wohltuende und Kräftigende der Dinge reicht. Nietzsche nannte ihn dafür einen Schönseher. Uns will freilich die Brust immer wunder werden. Um so tiefer muß das Gedicht graben, seine Wurzeln zu befestigen, damit die Krone höher schwebe. Das große Gedicht Oskar Loerkes „Das Bett der Mühseligen“ stellt die arme Kreatur des Menschen dar: „Zwischen weißen Vorgebirgen des Todes (gemeint sind die Beulen und Hörner der Kissen’) / Ein Haufen Organe, vielfarben, blutig / Entblößt, verbunden durch Kanäle / Entspannte Stränge, symmetrische Röhren / Umdampft und sinternd in ihren Höhlen“ – und freut sich doch im letzten Verse: „Und ferne ruft es immer: Evoe!“ So sieht Perseus der gespiegelten Gorgo ins Auge, um vor ihr selbst nicht zu versteinern. So blüht über dem Wundfieber der Wirklichkeit, jeanpaulisch gesprochen, das Gedicht.