Es wäre ungerecht, wenn man annehmen würde, daß die westfälische Stadt Bünde erst als Sitz der britischen Kontrollkommission bekannt wurde; hre Berühmtheit dankt sie vielmehr ihrer Bedeutung als Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie. erzt hat diese anmutige und vom Krieg völlig unversehrte Stadt schwere Wochen, hinter sich. Nach fast vier Monaten des Wartens ist nun endich die lähmende Ungewißheit über den Fortbestand oder Zusammenbruch der gesamten Industrie gefallen. Als damals, im Mai, die Tabaksteuererhöhung bekannt wurde, war es für Arbeitnehmer und Arbeitgeber klar, daß unter diesen steuerlichen Belastungen die deutsche Zigarrenindustrie zum Erliegen kommen muß. Die Steuer sollte 90 v. H. des Verkaufspreises betragen, das heißt, daß ein Zigarillo, das bisher 10 Pfennig kostete, nun 1 Mark oder eine 30-Pfennig-Zigarre jetzt 3 Mark kosten würde! Diese Preise waren für das Durchschnittseinkommen der deutschen, Zigarrenraucher unerschwinglich. Die Bünder Zigarrenindustrie, die ein Viertel der gesamten deutschen Zigarrenfabrikation bewältigt, legte daher ihre auf Bünde und die Orte der Umgebung verteilten 70 Fabriken (mit 85 v. H. der Gesamtproduktion) und 630 Klein- und Mittelbetriebe (mit 15 v. H. der Gesamtproduktion) zunächst still. Vorsorglich wurden die 16 000 Zigarrenmacher und -macherinnen entlassen. Jedoch zahlten ihnen die Firmen seit Juni jeweils 50 v. H. ihres Verdienstes à fonds perdu, um die Arbeiter, Arbeiterinnen und Angestellten vor der ärgsten Not zu bewahren, keine öffentlichen Mittel in Anspruch nehmen zu müssen und sich diese wertvollen Facharbeiter für das Wiederingangkommen der Fabrikation zu sichern.

Die Existenzfrage der Zigarrenindustrie ist sehr eng mit den Haushalten der Gemeinden, Städte und Kreise dieses westfälischen Gebietes verknüpft. Das geht allein schon daraus hervor, daß zum Beispiel in der Stadt Bünde die Zigarrenindustrie mit ihrer Hilfsindustrie (Kartonagen-, Kisten-, Nagelfabriken, Kunstanstalten und Druckereien) 60 v. H. des Steueraufkommens der Stadt stellt! Da ein Erliegen der Zigarrenindustrie für 2000 der 7500 Einwohner von Bünde Arbeitslosigkeit bedeuten würde, müßte Bünde im Jahr rund 900 000 Mark weitere Wohlfahrtslasten ausgeben; sie würden sich auf 100 v. H. des normalen Steueraufkommens belaufen!

Den mit der Existenz der Zigarrenindustrie verbundenen Menschen sollte das Schicksal der einstigen Bünder Leinenspinner erspart .bleiben, die vor mehr als hundert Jahren durch die Entwicklung des Webstuhls verarmten und denen Tons Wellensiek im Jahre 1843 mit der Gründung der ersten Zigarrenfabrik in Bünde eine neue Lebensbasis schuf. Der Verband der Zigarrenfabrikanten in der britischen Zone unter Leitung von Friedrich Schöning-Vlotho war daher mit Unterstützung der Parteien, der Gewerkschaften und der Verwaltungsstellen unverdrossen tätig, um über das „Zonal Executive Office der Kontrollkommission“ in Bünde beim Kontrollrat in Berlin eine Ermäßigung der untragbaren Steuersätze zu erwirken. Diese Bemühungen haben jetzt den ersehnten Erfolg gehabt. Die Steuer für Zigarren ist von bisher 90 auf 75 v. H. des Kleinverkaufspreises für die Preislagen bis 50 Pfennig und auf 80 v. H. für die Preislagen über 50 Pfennig gesenkt worden. Zigarillos werden sich also in den Preislagen von 20 bis 50 Pfennig und Zigarren von 50 Pfennig bis 2 Mark bewegen. Die bisherige 10-Pfennig-Preislage wird auf 30 Pfennig kommen, die bisherige 15-Pfennig-Zigarre auf 50 Pfennig und die bisherige 20-Pfennig-Zigarre kostet 1 Mark.

Mit dieser Regelung ist das Wesentliche erreicht: die Wiederherstellung der früheren Relation in der Belastung der einzelnen tabakverarbeitenden Industrien. Wenn auch die Preise für Zigarren immer noch recht hoch sind, so glaubt man in den Kreisen der Bünder Zigarrenindustrie doch, daß die Freunde der Zigarre sich wieder für ihre Raucherkarte Zigarren erstehen werden. Sollte die Kaufkraft der Bevölkerung weiter abnehmen, müßte wohl eine generelle und gleichmäßige Senkung der Tabaksteuer auf alle Tabakerzeugnisse eintreten. Zunächst haben die 700 Zigarrenfabriken in Bünde und der näheren und weiteren Umgebung in der vergangenen Woche mit der Fabrikation begonnen, 16 000 Männer und Frauen haben wieder Beschäftigung. Es ist besonders erfreulich, daß bei einem Einhalten der derzeitigen Fertigungszahlen die vorhandenen Tabakmengen noch für rund 20 Monate ausreichen. Im Gebiet von Bünde beläuft sich die augenblickliche Fabrikation auf etwa ein Fünftel der Vorkriegshöhe. Fachleute haben errechnet, daß jede achte in Deutschland gerauchte Zigarre in den Bünder Fabriken hergestellt ist, wo eine geübte Zigarrenmacherin im Monat rund 6000 bis 7000 Zigarren oder 10 000 bis 12 000 Zigarillos anfertigt.

Jetzt sind die Sorgen, die viele Wochen hindurch in mehr als 15 000 westfälischen Familien täglich zu Gast waren, gebannt; alle Fabriken arbeiten, damit wir wieder zu den ersehnten Zigarren kommen. Die Schlote rauchen schon...

Willy Wenzke