Churchill sprach am 19. September in der Züricher Universität über die zukünftige Gestaltung Europas. Der ehemalige englische Premierminister bekleidet zurzeit kein Staatsamt, er ist Führer der parlamentarischen Opposition, seine Worte sind weder der englischen Regierung vorher bekanntgeworden, noch von ihr gebilligt. Es ist das Vorrecht einer Opposition, der Politik der Regierung eine andersgeartete Konstruktion entgegenzuhalten, So hat die Rede allenthalben größte Bedeutung gefunden; denn – das wird von der „Times“ besonders unterstrichen – dieser englische Staatsmann verfügt nicht nur über eine einzigartige Erfahrung, sondern genießt auch größten Respekt. Sowohl politischer Mut wie ungewöhnliche Vorstellungskraft zeichnen auch diese Rede aus. Der Grundgedanke einer regionalen Neuordnung Europas wird darin wie folgt formuliert:

„Der erste Schritt zum Wiederaufbau der europäischen Völkerfamilie muß eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur so kann Frankreich die moralische und kulturelle Führung in Europa wiedergewinnen. Wir müssen eine Art Vereinigter Staaten von Europa schaffen. Der erste Schritt dazu wäre die Schaffung eines europäischen Rates. Nur auf diese Weise können wir Millionen von Menschen in die Lage versetzen, sich jene Freuden und Hoffnungen zu erringen, die das Leben lebenswert machen. In dieser dringlichen Arbeit müssen Frankreich und Deutschland an der Spitze stehen, zusammen mit Großbritannien, dem britischen Commonwealth, dem mächtigen Amerika und, so hoffe ich, der Sowjetunion.“

Die Konzeption der Vereinigten Staaten von Europa ist nicht neu. Die beiden größten Staatsmänner zwischen den beiden Weltkriegen, Briand für Frankreich und Stresemann für Deutschland, waren gleicherweise von der Überzeugung beseelt, daß die deutsch-französische Verständigung die Grundlage für den Frieden und den Wohlstand Europas bilden müsse. Das interessanteste Moment in Churchills Vorschlägen ist jedoch, daß er davon ausgeht, Europa sei bereits unwiderruflich zwischen Ost und West geteilt. Die „Times“ erblickt hierin die große Gefahr seiner Konzeption. Auch Reuters, diplomatischer Korrespondent befürchtet, daß Churchills Forderung, neben Frankreich solle auch Deutschland eine hervorragende Rolle spielen, in der Sowjetunion tiefsten Argwohn auslösen werde; er vermutet, daß Churchill beabsichtige, durch die deutsch-französische Zusammenarbeit eine regionale Umgruppierung als Gewichtsausgleich gegenüber der Sowjetunion zu bilden. Politisch orientierte Kreise in Paris versteigen-sich zu der Ansicht, die angloamerikanische Politik sei auf dem Wege – und Churchills Rede bedeute einen beachtlichen Schritt dabei –, Deutschland von einem möglichen künftigen Bündnis mit der Sowjetunion abzuhalten. Wenn Paris daneben skeptisch ist, ob bei der von Churchill vorgeschlagenen Partnerschaft dem französischen Verlangen nach Sicherheit genügend Rechnung getragen werde, so sollte diese Befürchtung weniger gewichtig genommen werden, da ein Volk, in unserem materiellen und moralischen Zustand nach menschlichem Ermessen für Aggressionsabsichten nie wieder in Betracht kommt.

Es wäre praktischer, so meint die „Times“, zunächst Europa auf wirtschaftlichem Gebiet zu reorganisieren. Sie sieht hierfür hoffnungsvolle Ansätze in dem französisch-britischen Handelsabkommen, in der Wirtschaftsunion zwischen Beigien und Holland und der geplanten Wirtschaftskommission für Europa, die aus dem Wirtschaftsrat der UNO resultieren soll. Dann sollten sobald als möglich Handel und Verkehr mit Osteuropa wieder eröffnet werden, und zwar vor allem mit der Sowjetunion. Erst wenn die Hoffnungen der britischen Regierung auf eine gesamteuropäische Lösung endgültig begraben worden seien, dann erst sollte auf Churchills regionalen Lösungsversuch zurückgegriffen werden. Zu einem solchen Zeitpunkt würde er dann auch mehr Aussicht auf Durchführbarkeit bekommen.

Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa werde es begrüßen, wenn auch Churchill den Appell des amerikanischen Außenministers Byrnes, daß nunmehr die Rachegedanken. ein Ende haben und Gerechtigkeit und Freiheit wieder zur Herrschaft gelangen müßten, wiederholt. „Wir müssen den Schrecken der Vergangenheit den Rücken wenden und in die Zukunft blicken. Dieser neue Geist der Verständigung muß sofort zur Herrschaft gelangen, denn es steht uns nicht viel Zeit zur Verfügung.“ – „Wir müssen sofort beginnen“, schließt Churchill, „denn vorläufig befindet sich die Atombombe noch in den Händen eines Staates, der sie nie verwenden wird, es sei denn für die Sache des Rechts und der Freiheit.“