Von H. Klüver

Bei dem internationalen Schachturnier in Groningen siegte der Russe Botwinnik vor Dr. Euwe (Holland). Bemerkenswert war, daß beide Meister die Partie gegen Kotow (UdSSR.) verloren.

Seit Jahren wird der Name eines Mannes genannt, der aus dem Osten kommt und zu den höchsten Ehren im Schach berufen sein sollte: Michael Botwinnik. Im Jahre 1911 in Leningrad geboren, war er kein eigentlicher „Wunderknabe“ wie Capablanca und Reschewsky, begann aber früh, Schach zu spielen. Mit 15 Jahren gelang es ihm, gegen den damaligen Weltmeister Capablanca, der in Leningrad eine Simultanvorstellung an 30 Brettern gab, zu gewinnen. Mit 16 Jahren nahm er erfolgreich an den großen Schachturnieren der Sowjetunion teil. Mit 21 Jahren gewann er die Meisterschaft seines Landes, und seitdem ist er fast Jahr für Jahr Meister der Sowjetunion – eine erstaunliche Leistung bei der hohen Qualität der russischen Spieler.

Das russische Schachleben hatte sich nach der Revolution zunächst völlig gegen die übrige Schachwelt abgeschlossen: glühender Ehrgeiz hinter dicken Wänden. Später ging man dazu über große internationale Turniere zu veranstalten, zu denen die stärksten Spieler der Welt eingeladen wurden. Und hier konnte Botwinnik, in gewohnter Umwelt und von der Begeisterung seiner Landsleute umgeben, seine weithin bemerkten Erfolge erringen. Die andern großen Schachspieler seiner Heimat blieben anonym; er aber gewann Weltruf und beschwor schon damals den Vergleich mit Alexander Aljechin herauf, den Unbesiegten, der den Weltmeistertitel mit ins Grab nehmen sollte.

War Botwinnik nicht der erste und einzige Vertreter des Sowjetschachs, der sogar zu dem großen internationalen Schachturnier von Nottingham im Jahre 1936 nach England entsandt wurde? Wie schon einmal in seiner Laufbahn, mußte er dort den ersten Preis mit Capablanca teilen. Zwei Jahre später, 1938 in Amsterdam, wurde er Dritter in einem Turnier, das die acht besten Spieler der Welt vereinte. Dann kam der Krieg, der große internationale Schachturniere unmöglich machte. Und jetzt das Schachtreffen in Groningen, bei dem Botwinnik Sieger wurde und endgültig eingereiht in den Kreis der größten Meister des Schachs. Daher lohnt es sich, Vergleiche zu ziehen.

Lasker und Aljechin waren starke Persönlichkeiten mit geradezu suggestiven Kräften. Botwinnik ist es nicht. Er ist eine zurückhaltende, ja ängstliche Natur, in allem darauf bedacht, seine Lebenshaltung nach Zweckmäßigkeitsgründen auf das Schach und den Erfolg einzustellen. Lasker spielte keine ernste Partie, Ohne dabei eine Havanna stärksten Kalibers zu rauchen. Botwinnik raucht nicht. Aljechin erschien in seinem ersten Wettkampf um die Weltmeisterschaft mit Euwe zu einigen Partien derart unter Alkohol gesetzt, daß sein Gegner sich zuerst, weigerte zu spielen. Gerade in diesen Partien vollbrachte Aljechin geniale Leistungen. Botwinnik trinkt nicht. Keres erzählt von Botwinnik, daß er von der Regierung ein Auto geschenkt erhielt. Zum Turniersaal fährt Botwinnik aber mit der Untergrundbahn, weil er sich so mehr auf die bevorstehende Turnierpartie konzentrieren kann, als wenn er seinen Wagen zu lenken hat. Sein Schachtraining unternimmt er in verqualmten Räumen, um als Nichtraucher dem Tabakrauch besser standhalten zu können, wenn er gegen rauchende Gegner spielt. Lasker und Aljechin waren genial. Er ist es nicht. Genial ist aber sein Spiel. Es ist von einer Konsequenz und Geradlinigkeit, die verblüffend ist und manchmal an das früh verstorbene ungarische Schachgenie Charousek erinnert. Es ist der auf reine Zweckmäßigkeit gestellte Kalkül. Dabei weicht Botwinnik dem Kampf niemals aus, auch wenn er mit dem größten Risiko verbunden ist – ein genialer Techniker und Meister der Kombination, das Vorbild, so möchte man sagen, für eine mustergültige Organisation des Gehirns!

Von Beruf ist Botwinnik Elektroingenieur, natürlich in Diensten des Staates, der dem Schachmeister – wie allen im Blickfeld der Menge stehenden Männern – große Vergünstigungen einräumt. Denn in seinem Lande ist Botwinnik eine Art Nationalheros, dessen Popularität weit über die eigentlichen Schachkreise hinausgeht. Dabei muß man wissen, daß das Schach in Rußland dank der systematischen Breitenarbeit der Sowjets weit über die Bedeutung hinausgeht, die es etwa in Deutschland hat. Zählen bei uns die Schachspieler in den großen Schachzentren nach Hunderten, so in Sowjetrußland nach Tausenden. Erschienen die Schachzeitungen in den Zeitungen schachlicher Hochkonjunktur bei uns höchstens einmal wöchentlich, so in Rußland in der Woche der großen Turniere bis zu zweimal am Tage in großen Auflagen. Wird bei uns einem Turniersieger allenfalls ein Beifallsklatschen von einigen Sekunden gezollt, so tragen die Sowjets ihren Landsmann, der ein großes Turnier gewonnen hat, auf den Schultern durch die Straßen, wie es Bogoljubow nach seinem sensationellen Sieg im großen Ersten Internationalen Turnier zu Moskau 1926 widerfuhr. Wie wird man erst Botwinnik empfangen, wenn er, als Vorkämpfer des Sowjetschachs, von seinem Sieg in Groningen heimkehrt!