Von Ilse Brune

Aus dem Chaos des letzten Jahres tauchen allmählich einzelne Inseln hervor, die dem Urteil über das, was nun geschehen ist, als konkrete,statistisch erfaßte Tatsachen zur Verfügung stehen. Nur Inseln: denn eine Bestandsaufnahme vom zentralen Blickpunkt aus würdedas voraussetzen, was nicht vorhanden ist: eine zentrale Autorität. So bleibt es einzelnen, meist kommunalen Stellen vorbehalten, sich im eigenen Bereich ein Bild der Lage zu verschaffen. Der unmittelbare praktische Zweck, für gewisse primitive Ordnungsaufgaben Material zu gewinnen, steht dabei durchaus in Vordergrund und überschattet vollständig das grundsätzliche Streben der modernen Statistik nach zeitlich und sachlich lückenloser Übersicht über alleLebensgebiete. Wir sind damit wieder ungefähr auf dem Stand angelangt, den die mittelalterliche Statistik innehatte. Belagerte Städte zum Beispiel nahmen damals Volkszählungen vor, um die Zahl der hungrigen Münder festzustellen, die aus den knappen Vorräten zu füttern waren.

Die Stadt Leipzig hat die sehr aufschlußreichen Ergebnisse einer am 3. November 1945 durchgeführten Volkszählung veröffentlicht und damit nicht nur der Allgemeinheit Kenntnis gegeben von der Kriegs- und Nachkriegsentwicklung einer durch Größe, Bedeutung und Vergangenheit interessanten Stadt, sondern gleichzeitig ein repräsentatives Beispiel geliefert, aus dessen charakteristischen Einzelheiten ziemlich weitgehende Schlüsse auf die Entwicklung im ganzen Reich gezogen werden dürfen.

Zunächst die grundlegende Zahl: Leipzig hattevor dem Kriege (genauer gesagt bei der letzten allgemeinen Volkszählung 1939) 707 000 Einwohner, Ende 1945 aber nur noch 585 000. Es hat damit den Stand von 1910 etwas unterschritten. Die durch den Krieg hervorgerufene Abnahme der Bevölkerung macht ungefähr so viel aus, wie de Einwohnerzahl von Rostock 1939 betrug, nämlich 122 000. Prozentual stellt sich der Einwohnerschwund Leipzigs auf 17 v. H. des Standes von 1939.

Von besonderem Interesse, weil zweifellos ein Spiegelbild der deutschen Gesamtlage, ist die Aufteilung der gegenwärtigen Leipziger Bevölkerung nach Geschlechtern- und Altersklassen. Daß nach den furchtbaren Menschenverlusten des Krieges ein weit über das gewohnte hinausgehender Frauenüberschuß in den Jahrgängen vorhanden sein muß, deren Männer für den Kriegsdienst in Frage kamen, ist klar. Jeder Blick auf die Wirklichkeit von 1946 bestätigt es. Aber man erschrickt doch, wenn man liest, daß in Leipzig auf 100 Männer zwischen 19 und 50 Jahren nicht weniger als 211 Frauen der gleichen Altersklasse entfallen. 1939 betrug das entsprechende Zahlenverhältnis 100:122. Schon in der Altersgruppe von 14 bis 18 Jahren hat sich das Zahlenverhältnis der Geschlechter gegenüber 1939 von 100 : 111 auf 100:117 verschoben, und in der Gruppe von 50 bis 65 Jahren stellt es sich auf 100 : 138 gegen 100:117 vor dem Kriege. Erst in der höchsten Altersstufe, über 65 Jahre, blieb es 1945 auf dem gleichen Stand wie 1939, nämlich 100 : 127.

Die soziologischen Probleme, die sich insbesondere hinter der Zahl von 211 Frauen auf 100 Männer in der Hauptgruppe der Erwerbsfähigen verbergen, sind von beträchtlicher Tragweite und werden zweifellos in ihrem vollen Ernst erst zutage treten, wenn sich die Geldreserven, von denen ein Teil dieser Frauen augenblicklich noch zehrt, auf die eine oder andere Weise verflüchtigt haben und wenn überhaupt dieIllusion, daß man sich in einem vorübergehenden Notstand befinde und eines Tages wieder zum gewohnten Lebensstein zurückkehren werde, erst einmal restlos verschwunden sein wird. Das Berufsleben wird durch das Kräfteangebot aus dieser weiblichen „Reservearmee“ in den kommenden Jahren gekennzeichnet werden, und der im Krieg vielfach diskutierte Konflikt zwischen Mutterpflicht und Beruf wird, jetzt empfindlich verschärft durch bedrängte Einkommensverhältnisse, zu einer selbstverständlichen Massenerscheinung werden, auch wenn sich das Zahlenverhältnis durch Rückkehr aus der Gefangenschaft noch etwas bessern sollte.

Noch in anderer Hinsicht ergeben sich sehr düstere Perspektiven aus der Leipziger Statistik. Der Aufbau der Altersklassen zeigt 1945 ein außerordentlich ungünstiges Bild im Vergleich zu der auch schon recht unerfreulichen Lage von 1939. Die Altersklasse von 19 bis 50 Jahren, also die das Erwerbsleben in erster Linie tragende Gruppe, machte 1939 etwa 50 v. H. der Leipziger Gesamtbevölkerung aus, 1945 aber nur noch 41 v. H. Bei den Männern allein sieht es natürlich noch viel schlimmer aus: Während 1939 fast die Hälfte aller männlichen Einwohner im arbeitsfähigen Alter (19 bis 50) stand, ist es jetzt nur noch ein Drittel. Das Häufchen derer, die praktisch den Lebensunterhalt für alle andern Altersklassen mitverdienen müssen, ist also erschreckend klein. Die „Hypothek des Todes“, die Belastung der voll aktionsfähigen Altersklassen durch die Fürsorgepflicht für die Älteren, wird also in Zukunft schlimme Formen annehmen, zumal da der allgemeine Vermögensverfall und die Steuerpolitik (zunächst...) keinerlei Erleichterung aufkommen lassen werden. Selbstverständlich wird sich die starke Überalterung der Bevölkerung in einer hohen Sterblichkeit auswirken, auf die ja auch zahlreiche andere Faktoren hindrängen.