Von Walter Henkels

Nun ist es September und Ende des Sommers.Der Chronist schreitet durch fremde Wiesen, er tut es mit einem Rucksack zu einem gewissen Behuf. Schlichte Gedanken bewegen ihn. Die Wiese, auf der zwischen Hirtentäschel, Sternmiere und Hundspetersilie letzte Kettenblumen blühen, sieht er kaum mit Bewußtheit. Im leichten Winde läßt der Löwenzahn seine weißen Pappus-Partikelchen wie winzige Fallschirme über die Wiesenpläne segeln, zu keinem andern Zweck als dem der Arterhaltung, wenn das Wort erlaubt ist.

Ein fremder Mensch sitzt am Wiesenrand und läßt Sich von der Sonne bescheinen, die ausnahmsweise an diesem Septembertag zu ihrer Pflicht zurückgefunden hat. Es ist ein Mann in derangierter Kleidung mit einem Gesicht, mit dem nicht viel anzufangen ist. Der Mann stiert auf die Wiese, und wer weiß, was hinter den Schläfen gedacht wird. In seinem Mund hat er einen langen Grashalm, der ab und zu von einem Mundwinkel zum andern wandert. Es ist nicht zu sagen, ob der Mann vierzig oder fünfundfünfzig Jahre alt ist. Man hat den Eindruck, als ob ihm das Schicksal nicht wohlgesonnen ist. Aber wem ist es heutzutage wohlgesonnen?

Das ist der Augenblick, wo der Chronist, vielleicht zehn Meter entfernt, am Wiesenrain ebenfalls Platz nimmt, um seinerseits ein bißchen der Wiesenbotanik sein Augenmerk zuzuwenden. Zuerst sieht er natürlich die weißen Schöpfe der Kettenblumen, und das Verlangen aus Knabenjahren ist in ihm, hineinzupusten. Diese Pusteblumen in der Gräserplantage geben viel zu denken, das steht fest, und großartige Illusionen aus Knabenjahren werden wach. Aber die brennende Frage ist in ihm, zu erfahren, was das für ein Mensch ist, der dort sitzt und langsam und bedächtig den Grashalm im Mund in Bewegung hält. Der fremde Mensch ist nämlich ganz woanders. Nicht hier. Der Mann ist mit seinen Gedanken weit fort. Vielleicht, wer kann es wissen, möchte er in der Arktis Polarfüchse fangen oder in Texas Zedern und Platanen fällen.

Da tut der Fremde etwas Überraschendes, etwas so rührend Unschuldiges, etwas so wunderbar Poesievolles, der Mann zwischen Vierzig und Fünfundfünfzig, daß dem Chronisten nichts übrigbleibt, als eine Weile den Atem anzuhalten. Der Mann steht auf, geht vier oder fünf Meter in das Wiesenfeld hinein und pflückt eine Kettenblume, trägt sie auf langem Stengel behutsam zu seinem Platz zurück und setzt sich wieder hin. Er äugt kurz zu dem Chronisten hinüber, Lächeln und Bitternis zugleich wohnen in seinem Gesicht, und bläst zärtlich in den weißen Wollkopf der Blume. Die kleinen Fallschirmchen schicken sich an, sich dem leichten Wind in die Arme zu werfen, und segeln davon, und zweifellos segeln auch die Gedanken des Mannes.

In diese Andacht des Fremden fällt die wohlgemeinte Bemerkung des Chronisten: „Schön, was?“ Im ersten Augenblick war er nicht ganz sicher, ob er den Beifall des Fremden fand. Aber der drehte den Kopf und ein erneutes Lächeln hielt auf dem fremden Gesicht seinen Einzug. „Ja“, sagte er, und er sagte es bitter, „das kann man wohl sagen.“ Und dann schwieg er und beschäftigte sich vielleicht mit der Schönheit der Blumen im allgemeinen und der Existenz Gottes im besonderen, wer weiß es. Als er aufstand und ging, sagte er beiläufig zum Chronisten, ziemlich beiläufig: „Früher“, sagte, er, „hatte ich achtundsechzig Morgen Wiese, allein Wiese. Und jetzt wohne ich da drüben in der Stadt!“

Nun war alles ziemlich klar. Des Mannes Gedanken hatten mit den kleinen segelnden Fallschirmchen eine Reise nach Hause gemacht, eine Reise zu den achtundsechzig Morgen Wiese und zu dem, was drum und dran lag. Der Mann war ein Flüchtling. Der Mann hatte seine Träume auf die Wanderschaft geschickt, und er hatte sich schlicht der Kettenblume bedient, deren Samen in den Kosmos hineinsegelte, vielleicht via Allenstein oder Goldap. Der Mann, es war nun klar, hatte Heimweh.

Das Heimweh, meint der Chronist, grassiert vielleicht viel stärker unter den Menschen, als wir, die wir ein Zuhause haben, uns das denken.