Von Johann Albrecht v. Rantzau

Ob Georg Christoph Lichtenbergs Ausspruch, daß die Deutschen mehr Ausgestalter fremder Anregungen als selbständige Entdecker und Erfinder seien, bei uns sehr bekannt ist? Kaum. Diese Erkenntnis wird ebensowenig verbreitet sein wie sie der deutschen Eigenliebe schmeicheln kann. Vielleicht hat dieser Satz nicht für alle Lebensgebiete gleiche Gültigkeit. Aber gewiß trifft er zu für die politischen Ideen und die historischen Auffassungen, die sich bei uns im Laufe des 19. Jahrhunderts durchgesetzt haben.

Worin bestand der Kern dieser historisch-politischen Anschauungen? In dem optimistischen Glauben, daß Europa sich künftig aus mächtigen gleichberechtigten Nationalstaaten zusammensetzen werde, in der Hoffnung ferner, daß Deutschland berufen sei, einer dieser geeinten und zentralistisch zusammengefaßten Nationalstaaten zu sein. Und woher schöpften die Träger dieses politischen Ideals, die breiten Schichten des deutschen Bürgertums, ihre Hoffnungen und Überzeugungen? Zweifellos doch aus dem Blick auf die westlichen Nachbarländer Frankreich und England, wo sich vom 18. zum 19. Jahrhundert dieses Nationalstaats ideal verwirklichte. Hier wurden die monarchischfeudalen Gewalten zurückgedrängt und die Regierung ging in die Hände des gewerbetreibenden und – gebildeten Bürgertums über. Robert Pool, Disraeli, Gladstone, Joseph Chamberlain in England, Guizot, Thiers, Gambetta, Clemenceau in Frankreich waren politisch erfolgreiche Repräsentanten der neuen herrschenden Schicht. Warum wollte sich bei uns, so fragte man sich gutgläubiger weise in Deutschland, ein derartiger freiheitlicher Nationalstaat nicht verwirklichen lassen? Wohlmeinende und beredte Männer traten 1848 zu einer Nationalversammlung zusammen – wie es 60 Jahre zuvor in Frankreich geschehen war. Von nationalstaatlicher Begeisterung getrieben, bildeten die Professoren und Advokaten der Pauls-Kirche eine Reichsregierung nach ihrem Sinne, deren politische Tätigkeit sich bald von einem vollständigen Fiasko gekrönt sah. Politische Persönlichkeiten gänzlich anderer Artung, der Ministerpräsident Felix Schwarzenberg In Österreich und dann Bismarck im preußischen Deutschland, schufen die Grundlagen für die politische Existenz der beiden großen deutschen Mächte bis in das 20. Jahrhundert hinein.

Offensichtlich wurde der politische Erfolg solcher Männer von dem selbstbewußten liberalen Bürgertum als ein Schönheitsfehler empfunden, der im 19. Jahrhundert nicht hätte vorkommen dürfen. Aber ein Teil des deutschen Bürgertums bemühte sich, an diesem befremdenden, eigentlich schon unheimlichen Phänomen vorbeizusehen, besonders Bismarck gegenüber, indem es sich in einen Geniekult versenkte, der freilich seinem Wesen nach ästhetischer, manchmal auch lakaienhafter Art war und mit politischem Verständnis wenig zu tun hatte. Nach Bismarcks Sturz trieben dann verbürgerlichte Junker und militarisierte Großbürger, die sich der gefährdeten. Situation der beiden mitteleuropäischen Mächte weit weniger als der alte Reichskanzler bewußt waren, ihre oft plumpe nationale Machtpolitik. Eines Tages sah man sich dann in einen bewaffneten Konflikt mit den mächtigsten Staaten der Welt verstrickt. Unter unverhohlener Verblüffung breiter bürgerlicher Schichten, die damals genau wie später beim Nachspiel von 1945 versicherten, es „nicht fassen“ zu können, brachen 1918 Österreich und Preußen trotz größter militärischer Anstrengungen und schwerster Opfer-, wie Kartenhäuser zusammen.

Irgendein Geheimnis oder doch verborgener Sachverhalt war offenbar übersehen worden. Da man sich das Rätsel dieser Zusammenbrüche nicht zu lösen wußte, klagte und klagt man wehleidig und hochtrabend zugleich über irgendein „tragisches“ Verhängnis, welches angeblich über der deutschen Geschichte waltet. Was es auch immer mit den über uns hereingebrochenen Katastrophen auf sich haben mag, Deutschland sieht sich jedenfalls materiell und geistig heute in einem Zustand, der mit der hochentwickelten bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts und mit der weitverbreiteten kleinbürgerlichen Zivilisation des 20. fast nichts mehr zu tun hat. Vielmehr beschwört unsere Lage, deren Kennzeichen radikale Vernichtung und fortwirkende Katastrophenhaftigkeit sind, die Erinnerung an ein ganz anderes Zeitalter der europäischen Geschichte herauf. Wer es überhaupt für sinnvoll hält; sich in vergangene Epochen zu vertiefen, dem muß sich die Ähnlichkeit unserer Lage mit dem deutschen Schicksal im Dreißigjährigen Kriege aufdrängen. Aus der Versenkung in jene ungeheure Leidenszeit ergibt sich dann eine Klarheit über unsere Lage in Vergangenheit und Gegenwart, die zunächst nicht angenehm oder trostreich anmutet, um so mehr aber lehrreich und fruchtbar wirken kann. Wer in jeder Hinsicht unter Trümmern wohnt, tut besser daran, das Leben in anderen Trümmerhaufen zu studieren, als behaglicher Biedermeiereinrichtungen und pomphafter Plutokratenfassaden sehnsüchtig zu gedenken.

II.

Woraus entsprang, wozu führte der Dreißigjährige Krieg? Schon die Frage nach seiner Entstehung zeigt uns einen immer vorhandenen, ja geradezu vorherrschenden Zug deutscher Wesensart auf. Dogmatische Gegensätze, die sich aus der Reformation entwickelt hatten, wurden bei uns in Deutschland mit einer hartnäckigen, ja fanatischen Engstirnigkeit ausgetragen, die ihresgleichen in ganz Europa nicht fand; Lutheraner eiferten gegen Kalvinisten, Katholiken gegen Kalvinisten und Lutheraner; jede der religiösen Gruppen erstrebte die Vernichtung der beiden anderen. In England und Frankreich setzten sich zu Ende des 16. Jahrhunderts die „Politiker“ durch – große Namen sind darunter, wie Sully und Montaigne in Frankreich. Burleigh in England –, die den Staatsverband nicht durch religionspolitische Zwistigkeiten und Bürgerkriege sprengen lassen wollten. In Deutschland brachten sich solche Politiker nicht zur Geltung. Die hemmungslosen gegenseitigen Anfeindungen entsprachen der unpolitischen Sinnesart der Deutschen am besten, und also wurde im Zeichen dieser inneren Zerklüftung der Krieg begonnen, der 30 Jahre wüten und nur kleine Inseln auf dem deutschen Reichsgebiet verschonen sollte.