Von Walter Grotkopp

Buxton W. Wheeler, während des Krieges der in den nationalsozialistischen Zeitungen am häufigsten zitierte amerikanische Senator, unterlag in den Vorwahlen der demokratischen Partei im Staate Montana und scheidet somit nach 24jähriger Tätigkeit im Senat aus. Schon in jungen Jahren hatte der jetzt 64jährige sich in enger Verbindung mit La Follette als Vertreter der Bauern, Arbeiter und des Mittelstandes einen angesehenen. Namen verschafft. Außerhalb der USA wurde er vor allem bekannt, als er den Kampf gegen die Kriegspolitik seines einstigen Freundes Roosevelt aufnahm und damit die Nachfolgeschaft von William E. Borah, der gegen Wilsons Kriegspolitik die Opposition angeführt hatte, als Haupt der Isolationisten antrat.

Was Isolationismus bedeutet, zeigt am besten ein Blick auf die Staaten, die Borah und Wheeler im Senat vertreten haben, nämlich Idaho und Montana. Auf der Fahrt vom Yellowstonepark nach San Franzisko hatten wir Montana berührt und waren wir zwei Tage durch Idaho und das nachbarliche Newada gefahren. Wir trafen keine Ansiedlung, die den Namen Stadt verdient hätte, fuhren stundenlang durch Gebiete, die ähnlich Kalifornien dank Bewässerungsanlagen in ein Paradies verwandelt werden könnten; jetzt aber nur an die Bibelworte erinnern, daß die Erde wüst und leer sei, weniger dagegen an die Leistungen der Pioniere, die einst in dies Gebiet des Felsengebirges vorgestoßen waren. Der Staat Nevada zählt nicht einmal 100 000 Einwohner, seine Hauptstadt 2000. Seine größte Stadt allerdings genießt Weltruhm, nämlich Reno – wegen der Leichtigkeit der Ehescheidungen. Idaho hat 500 000 Einwohner und ist immerhin berühmt wegen seiner Kartoffeln, für die die Automobile mit ihrem Nummernschild Reklame machen müssen. Montana ist flächenmäßig der drittgrößte Staat der USA, hat aber nur 600 000 Einwohner. Jeder dieser Staaten hat aber im Senat, wie alle anderen, zwei Vertreter, ist also ebenso einflußreich wie Neuyork mit seinen 12 Millionen Einwohnern und die anderen stark bevölkerten Industriestaaten des Ostens. Dies ist außenpolitisch überaus wichtig, weil Verträge mit anderen Staaten eine Zweidrittel-Mehrheit im Senat voraussetzen, also 16 kleine Staaten einen Vertrag zu Fall bringen können.

Bei der Fahrt durch diese Staaten des Felsengebirges fragten wir uns wohl mit Recht, welch Interesse ihre Bewohner für Europa aufbringen könnten, etwa damals für das Schicksal von Danzig oder heute für das von Triest Diese Bauern und Arbeiter wollen allein gelassen sein. Sie wollen sich vom Weltgeschehen im Sinne eines Sichabsonderns, einer Vereinsamung isolieren, sich gegen politische Schlage schützen und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Sie sind gleichgültig gegenüber dem Geschehen in anderen Ländern, ja gegen das Ausland als solches feindlich eingestellt. Sie sind sowohl! gegen Großbritannien wie gegen die Sowjetunion wie gegen Deutschland, nahmen aber aus einem Gerechtigkeitsgefühl oft für bedrängte oder im Krieg unterlegene Staaten Stellung. Dies Interesse für Außenpolitik ist immerhin gegeben. Ihr Isolationismus ist oft sogar stärker wirtschaftlich als politisch betont. Sie sind gegen fremde Waren und für eine Hochschutzzollpolitik. Dieser Isolationismus herrschte von 1919 bis Pearl Harbour und erlebte seine Glanzzeit unter Coolidge. Damals ging es den Amerikanern wirtschaftlich so gut, daß sie glaubten, abgesondert von der Welt in Glück und Zufriedenheit leben zu können – bis die Krise des Jahres. 1929 die Fragwürdigkeit dieser Auffassung zeigte. Manche nehmen nun an, daß die Nachkriegskonjunktur eine ähnliche Prosperität wie unter Coolidge und damit ein günstiges Feld für den Isolationismus bringen wird.

Die Gegenkräfte sind aber viel zu stark, als daß der Isolationismus auch nur im entferntesten eine ähnliche Blüte erleben könnte wie unter Coolidge. Die wirtschaftlichen Kräfte lassen einen Isolationismus nicht mehr zu. Die USA müssen vor allem ausführen, weil die anderen Länder mit ihren Dollars, die sie während des Krieges verdient haben, etwas kaufen wollen und weil die Produktionskapazitäten der amerikanischen Industrie nach Befriedigung des zurückgestellten heimischen Bedarfs ein großes Ausfuhrgeschäft voraussetzen.

Die amtliche Politik der USA ist auf eine internationale Zusammenarbeit über die UNO und den Rat der Außenminister eingestellt Diese Politik ist aber nicht nur – und das ist der Gegensatz zur Zeit Wilsons – die der gegenwärtigen demokratischen Regierung, sondern sie wird von beiden Parteien gestützt und wird somit nicht nur vom Präsidenten und dem Außenministerium, sondern auch vom Senat vorbehaltlos vertreten. Die republikanischen Senatoren Vandenberg und Austin haben sogar wichtige Schlüsselpositionen erhalten. Diese Einheitlichkeit der Außenpolitik der beiden Parteien ist bisher in der Geschichte der amerikanischen Außenpolitik noch nie zu verzeichnen gewesen.

Isolationisten sind heute Einzelgänger und können nicht mehr die überragende Rollen spielen, die einst Borah innehatte. Innerhalb der Parteien stehen ihnen nicht nur die Vertreter der amtlichen Politik gegenüber, sondern auch die sogenannten Imperialisten, die die Ruhe und Sicherheit der USA nicht von einer Absonderung erwarten, sondern von einer aktiven Einflußnahme auf die internationale Politik durch Ausbau der Wehrmacht, der Rüstungsindustrie, der Atombombe und durch Schaffung von militärischen Stützpunkten in der ganzen Welt.