Mitunter findet man aufregende Dinge gerade da, wo man sie am allerwenigsten erwartet hätte ... Kennen sie etwa schon die Geschichte von den Mäusen in den Hamburger Kühlhäusern?

Obwohl die ständige Temperatur in den Kühlhäusern am Freihafen bei minus 6 Grad Celsius gehalten wird, sind sie ein rechtes Mäuseparadies. Selbst Mäusekinder – nackt und bloß und sehr zart, wie man weiß, in ihren ersten Lebenstagen – kommen da zur Welt und wachsen heran; sie sind also in einem erstaunlichen Maß unempfindlich gegen niedrige Temperaturen. Das Seltsame ist nun, daß die im Kühlhaus geborenen Mäuse nicht etwa ihren Eltern gleichen, sondern zu einer anderen „Rasse“ heranwachsen. Waren ihre Eltern graue, langschwänzige Hausmäuse, Mus musculus, so sind die Nachkommen oben braun, unten weißlich oder weiß; sie haben kürzere Schwänze, auch kürzere Ohren, und sie zeigen damit die charakteristischen Merkmale der Ährenmaus, Mus spicilegus die sonst „wild“ weit und breit nicht mehr bei uns in Norddeutschland vorkommt!

Der Nachweis, daß die Ährenmaus nichts anderes ist als eine „Kälteform“ der Hausmaus oder, richtiger gesagt, daß unsere Hausmaus eine „domestizierte“ Form der Ährenmaus darstellt, läßt sich völlig schlüssig’ führen. Die Kühlhäuser werden nämlich alle ein bis zwei Jahre mit Blausäure vergast; das gibt dann jedesmal ein großes „totales“ Mäusesterben. Die Tiere, die nach der nächsten Vergasung tot aufgefunden werden, können also nur aus der Nachbarschaft zugewandert (oder die Nachkommen solch zugewanderter Mäuse) sein – und in der Nachbarschaft gibt es eben nur Hausmäuse! Außerdem ergibt jede Bestandsaufnahme nach der Vergasung ganz eindeutig das Bild, daß die alten Tiere klar den Hausmaustyp zeigen, die jungen Tiere aber überwiegend den Ährenmaustyp. Ganz rein ausgeprägt ist dieser Typ offenbar bei denjenigen jungen Tieren, die bereits in der Kälte gezeugt und geboren worden sind.

Das entspricht der biologischen Erkenntnis, daß erhebliche Abweichungen von der „normalen“ Temperatur die Entwicklung des – Keimes beeinflussen, und zwar derart, daß dadurch alle Variationen „herausgelockt“ werden können, deren eine bestimmte Art überhaupt fähig ist. Das Experiment ist am leichtesten mit Schmetterlingspuppen durchzuführen; nach Behandlung der einzelnen (von den gleichen Eltern stammenden) Larven mit Kälte und Hitze entsteht eine Generation von Schmetterlingen, die alle überhaupt „möglichen“ Variationen der betreffenden Art zeigen.

Was den Schmetterlingen recht ist, muß den Mäusen nur billig sein. Auch sie variieren unter dem Einfluß der unterkühlten Umwelt (vielleicht auch der unterkühlten Nahrung, die ihnen dort allein erreichbar ist), und der Zufall will es, daß die bei minus 6 Grad erreichte Variante nun gerade der „Urform“ der Hausmaus, also der Ährenmaus, genau entspricht, von der bisher noch niemand wußte, daß sie „eigentlich“ dieselbe Art wie die Hausmaus darstellt, wie auch umgekehrt nicht bekannt war, aus welcher „Wildform“ sich die fast nur in Symbiose mit dem Menschen vorkommende und von seinen Vorräten schmarotzende Hausmaus entwickelt haben könnte.

Welche Perspektiven eröffnet diese kleine Geschichte von der unterkühlten Mäusekinderstube... Es ist wirklich eine aufregende Sache! Bleibt nur noch übrig, zu berichten, wo ich sie fand: in einer kleinen Broschüre (herausgegeben, im Selbstverlag, vom „Naturwissenschaftlichen Verein Altona/Elbe“ im Jahre 1931), die verstaubt im Bücherbord stand. Die Broschüre heißt „Die Säugetiere Schleswig-Holsteins“, und die Verfasserin ist Erna Mohr. Habe ich nicht recht, daß man mitunter auf Sensationen dort stößt, wo man sie am allerwenigsten erwartet hätte...? J. P. H.