Zur Heinrich-Stegemann-Gedächtnis-Ausstellung

In Hamburg hat die bildende Kunst immer einen ein wenig insularen Charakter gehabt. Die Maler und Bildhauer lebten hier wie in der Diaspora; der Kreis, der sich für ihr Schaffen interessierte, war klein; gemessen an der Größe der Stadt. Die Bevölkerung, die dem kaufmännischen Leben mit betonter Ausschließlichkeit hingegeben war, betrachtete den Künstler wie ein Kuriosum; anders als sonst in deutschen Städten, in Düsseldorf etwa, in München. Berlin, Dresden, konnte er sich hier nie getragen fühlen von der Achtung und dem Beifall der Mitbürger. So war die Gefahr, in der alle deutschen Maler ohnehin stehen, durch Grübelei, durch einen Hang, selbstgestellte Probleme zu lösen und über zeichnerische und kompositorische Experimente die malerische Frische zu verlieren, hier, wo Teilnahme und Anregung fehlten, immer besonders groß, und viele starke Talente sind ihr erlegen.

Auch in Heinrich Stegemann glaubten wir früher ein solches Malerschicksal sich vollenden zu sehen. Es war sehr sichtbar, wie ernst und unablässig er arbeitete, um eine strenge Formgebung rang und gedämpften und zugleich spröden Farbklängen nachspürte. Doch seine Porträts hatten etwas Hölzernes – und darin sehr Deutsches –, seine figürlichen Kompositionen waren gewaltsam, eine kühle Abstraktion jedoch schwächte diesen Eindruck ab, so daß die Darstellung im Verhältnis zu den aufgewandten Mitteln oft unwirksam blieb.

Die Gedächtnisausstellung nun, die jetzt, ein Jahr nach seinem Tode, in Hamburg in den Sälen der Kunsthandlung Bode & Sohn gezeigt wird, wirft dieses früher gewonnene Bild über den Haufen. Stegemann, ein sehr aufrechter und gerecht denkender Mensch mit einem leicht verwundbaren, mitfühlenden Herzen, hat sehr schwer unter den Jahren der Naziherrschaft und des Krieges gelitten. Und es ist, als sei da vieles in ihm gelöst worden, was vorher gehemmt war. Noch stärker als früher hat er sich in seine Kunst vertieft, noch unablässiger gearbeitet. Auch als die Stadt, die er so liebte, in Flammen aufging, als sein Atelier mit dem meisten, was er geschaffen, vernichtet wurde, hat er mit Händen, die von Phosphor verbrannt waren, das widrige Geschick nicht achtend, gleich wieder gezeichnet und gemalt. Und diese Leidenschaft, die ihn bewegte, die aus so vielen Quellen genährt war, hat ihn frei gemacht. Er hat sich ihr hingegeben, und so sind ihm Werke gelungen, die durch die Größe der Gesinnung und des Könnens erschüttern.

Seine Farbe ist blühend und reich geworden, im Klang immer noch eigenwillig, doch nun zur Schönheit gewandelt. Alte Motive, die ihn oft beschäftigt haben – wie die Halbfiguren in der Theaterloge – kehren wieder. Was vorher gewollt schien, hat. jetzt echte Monumentalität. Daneben hängen leuchtend schöne Landschaften und erschütternde Kriegsbilder, bei denen Abscheu und Entsetzen das Malerische ganz in den Hintergrund drängen, sowie zarte stille Aquarelle. Gern hätten wir auch das letzte unvollendete Porträt von Fritz Schumacher gesehen, zu dem zwei Vorarbeiten ausgestellt sind, eine Farbskizze und eine bewundernswert empfindsame Zeichnung. Wie hier die durchgeistigten Hände mit wenigen Strichen dargestellt sind oder das klug blickende Auge, die scharf geschnittenen und doch so lebendigen und nervösen Züge im Mienenspiel von Mund und Wangen, das ist meisterhaft. Diese und die indem Porträtzeichnungen zählen ohne Zweifel in dem Besten, was wir von deutschen Künstlern unserer Tage besitzen.

Es hängt eine kleine Folge von Lithographien zwischen den großen Zeichnungen, ein Totentanz, entworfen im März 1945, andeutend nur hingestrichelt, erbebend von leidenschaftlichem Mitgefühl und im Selbstporträt vorahnend auf den eigenen Tod hinweisend, der wenige Monate später ihn anrühren sollte. Wer die Fülle des Empfindens in sich aufnimmt, die aus diesen kleinen, unscheinbaren Blättern spricht, wird die Größe der Leidenschaft entdecken, die diesen echten Künstler bewegte, und wird schmerzhaft bedauern, daß er nicht mehr lebt, um auch unser heutiges Schicksal uns zu deuten. Richard Tüngel

... und am Niederrhein