Hauptstadt war Düsseldorf schon einmal; doch merkwürdig, wie wenig man dieser Stadt, als sie noch ganz vorhanden war, es anmerkte, daß Fürsten, die Großherzöge von Berg und ihre Nachfolger, hier Hof gehalten hatten! Unbelastet von Tradition hat sie immer mehr der Gegenwart gelebt als der Vergangenheit; vor allem aber lebte sie für ihre Künstler und mit ihnen. Mit Mäzenatentum hat dies nicht das geringste zu tun, und der Besuch eines Ateliers hat nichts von dem Schauer, den vielleicht anderswo der Bürgersmann empfindet, wenn er dabei an Modelle, Boheme, kurz „Künstlerwirtschaft“ denkt. Banalisierung der Kunst? Keineswegs, eher eine Selbstverständlichung und Einbeziehung in den Alltag. Jeder Augenblick kann zum Fest werden, und das enge Zusammenleben mit Bildern gibt die Kraft für den Alltag, der ja heute fast unerfüllbare Anforderungen stellt.

Wer Augen hat, zu sehen, kann genug zu sehen bekommen und wird schnell die Schafe von den Böcken trennen. Kunsthandlungen sprossen im vergangenen Jahr wie die Pilze aus herbstlichem Boden. Man konnte nun in jedem Schaufenster ein käufliches Bild erblicken; das Publikum hat aber auch gemerkt, daß nicht jedes Stück Papier, das mit mehr oder weniger Geschick bemalt wurde, Ewigkeitswert besitzt. Es ist eine gewisse Beruhigung eingetreten, mit der der seriöse Kunsthandel sehr einverstanden ist, denn er ist es, der eine Normalisierung der überhöhten Preise geradezu anstrebt. Sonderbarerweise sind die Preise gerade dort noch stark übersetzt, wo es sich – ob alt oder modern – um ausgesprochene „Schinken“ handelt. Der verantwortungsbewußte Künstler bietet seine Werke durch einen Kunsthändler an, der sich bereits vor der großen Konjunktur für ihn eingesetzt hat; in den vergangenen Jahren manchmal unter Einsatz des Risikos, daß er „oben“ unangenehm auffiel. Von ihm weiß er jedenfalls, daß die Geradlinigkeit, die er immer eingehalten hat, auch über diese Übergangszeit hinweg in eine hoffentlich bessere und sichere Zukunft führen wird. So brauchten sich weder Programm noch Gesicht wesentlich zu wandeln, und wenn sich jetzt manches auf Ausstellungen zeigt, was vorher nicht möglich war, so handelt es sich zumeist um das Werk von Künstlern, die damals im stillen schufen.

Die Galerie Alex Vömel, die im Kunstkabinett Hans Trojanski ausstellt, hat das weiteste Programm, das alles Wesentliche heranzieht, was in Deutschland geschaffen wurde. Auch nach 1933 konnte man bei Vömel Werke von Hofer, Nolde, Barlach, Klee, Rohlfs und vielen andern sehen, die als Verfehmte aus dem Reich der Kunst verbannt werden sollten. Beschlagnahmen und dauernde Schikanen konnten die Einhaltung des geraden Weges nicht unterbinden. Hier wehte noch die Luft europäischen Geistes, die uns gewaltsam abgedrosselt werden sollte. Wir denken zurück an unser Entsetzen, als ein Herr Schweitzer, „Mjölnir“, Beauftragter für künstlerische Formgebung, das meiste, was Vömel zeigte, als entartet verwarf, und als es galt, bei Nacht die vielen Bilder, die uns am Herzen lagen, beiseite zu schaffen, denn dem Besuch des genannten Herrn folgte meist sehr bald ein weit gefährlicherer.

In diesem Raum brauchte kein neuer Kurs eingeschlagen zu werden, als es nach dreimaliger totaler Ausbombung an den letzten Wiederaufbau ging. Das Gute war und ist gut; unabhängig von Geschmacksrichtungen, „Ideologien“ oder andern Maßstäben.

Augenblicklich wird eine Ausstellung „Meister der Malerei in Deutschland um 1910“ veranstaltet, die für die Jugend noch recht problematisch sein dürfte, weil sie -ähnliches einmal durch die Brille des „Entarteten“ hat sehen müssen. Es sind Namen. wie Modersohn – Becker, Beckmann, Kandinski, Kirchner, Kokoschka, Macke, Marc, um nur die klangvollsten zu nennen. An der inneren Bewegung, mit der wir vor diese Bilder treten, merken wir, daß sie uns ans Herz gewachsen sind wie lebende Wesen und daß nichts sie herausreißen konnte – wie eine große Liebe, die an Widerstand und Widerspruch wächst.

Als zweite repräsentative Verkaufsgalerie ist die Galerie Hella Nebelung zu nennen, die Ihre Räume in einem beschädigten Haus im Zentrum der Stadt gefunden hat. Sie zeigt monatliche Kollektivausstellungen Düsseldorfer Künstler und holt auch solche von auswärts bereits heran. Augenblicklich hängt eine Ausstellung von Ölbildern und Aquarellen von Artur Buschmann, Wesel. Er ist der Repräsentant einer glücklichen Mischung gedanklicher Tiefe und schöner Farb- und Formgebung. Die Motive entnimmt er der ihn umgebenden Natur oder empfängt sie aus realen Begebenheiten, die er ins traumhaft Visionäre überträgt, ohne dabei den Weg ins Abstrakte zu gehen.

Vielleicht ist der Rheinländer und gerade der Düsseldorfer dem romantischen Erlebnis besonders aufgeschlossen; wir finden es auch bei Künstlern wie Barth, Pudlich, Weitz oder dem Bildhauer v. Szekessy. Hinter dieser geistigen Einstellung verbirgt sich die Lebenstüchtigkeit, die befähigt, den Ausgleich zwischen Diesseits und Jenseits zu finden, die im Alltag nicht den Sonntag vergißt und nach den furchtbaren Erfahrungen der vergangenen Jahre, denen der Rheinländer ganz besonders stark ausgesetzt war, in der Dunkelheit die kleinste Helligkeit um so stärker empfinden läßt.