Als Ersatz für die Fette und für die Zubereitung breiartiger Gerichte hat der Zucker in unserer Ernährung erhöhte Bedeutung gewonnen. Sein Kalorienwert ist fünfmal so hoch als der der Kartoffel; Um so empfindlicher mußte die Herabsetzung des Verbrauchs von 26,7 kg je Kopf im Frieden auf 8,13 kg (für den Normalverbraucher) im verflossen nen Jahr die darbende Bevölkerung treffen. Selbst diese Zuteilung war nur durch Verbrauch von etwa 30 000 t Zucker aus der letzten Kriegsernte möglich.

Die Zuckerversorgung war in Deutschland niemals ein Problem. Noch aus der Ernte 1943 konnte die Bevölkerung nicht nur fast friedensmäßig versorgt werden, sondern es konnte noch an befreundete und besetzte Länder Zucker abgegeben werden. Dabei war 1943 ein mäßiges Zuckerjahr. – Um den katastrophalen Rückgang zu verstehen, müssen zunächst die Anbauflächen in den verschiedenen Zonen betrachtet werden:

Es lag auf der Hand, daß mit der Errichtung der russischen Zonengrenze eine Verkürzung derZuckerrationen im Westen erfolgen mußte. Verschärft wurde die Lage dadurch, daß die Aussaat der Rüben gerade in die Zeit der Besetzung gefallen war, hierdurch stark behindert, ja in der altbesetzten russischen Zone durch die dort herrschenden Zustände fast unmöglich gemacht wurde. Die Provinz Sachsen-Anhalt, mit einer Rübenerzeugung etwa ebenso groß wie die aller drei Westzonen zusammen, war wenigstens während der Zeit der Aussaat und Pflege der Rüben noch von den Amerikanern besetzt. In den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie war die Landwirtschaft schon vorher zum Erliegen gekommen. – Aus den geschilderten Gründen ging in der britischen Zone (besonders im Rheinland!) die Aussaat auf ca. 70.000 ha, der Hektarertrag von 314 auf 251 dz trotz günstiger Witterung zurück. Bei einer Ausbeute von 14 v. H. ergibt dies 246 000 t Braunzucker. In der russischen Zone wurden 435 000 t, in der amerikanischen 38 000 t gewonnen, so daß eine Gesamterzeugung von ca. 730 000 t aus der Ernte 1945 anfiel – gegenüber 1943 ein Abfall auf ein Drittel. Aus dieser Ernte erhielt der Normalverbraucher je Periode: in der englischen Zone 625 g (Durchschnitt), in der russischen 420 g,. in der amerikanischen 190 g und in der französischen 225 g. Die auffallend niedrigen Zuteilungen im russischen Bereich, die Hälfte dessen, was zu erwarten war, ist überwiegend auf Reparationslieferungen zurückzuführen. Nur 7000 t wurden im Austausch an die amerikanische Zone geliefert. Magdeburg, ehemals die führende Zuckerbörse der Welt, leidet unter Zuckerknappheit.

Bei keiner Frucht ist die Statistik so zuverlässig wie bei der Rübe, ihre Erfassung und Kontrolle wegen der wenigen in Frage kommenden Fabriken so einfach. Anderseits ist durch Beschlagnahmungen, Enteignungen, Sozialisierungen seitens deutscher und fremder Stellen die Achtung vor fremdem Eigentum so stark erschüttert, daß bei Erfassung und Verteilung eines so begehrten Nahrungsmittels wie Zucker heute gewisse Verluste nicht zu vermeiden sind. Sie dürften sich auf 12 bis 15 Prozent in den westlichen Zonen belaufen und in der russischen Zone noch höher liegen.

Wie sind nun die Aussichten für das am 1. Oktober beginnende neue Versorgungsjahr? Es gelang, allen Schwierigkeiten zum Trotz, die Anbauflächen in den Westzonen von 91 000 ha auf die friedensmäßige Höhe von 140 000 ha zu steigern. Der Witterungsablauf war für die Entwicklung der Rüben günstig, kann aber den fast völlig ausfallenden Dünger nicht ausgleichen. Der Hektarertrag kann daher nur mit 250 dz angenommen werden, 30 Prozent weniger als im Frieden. Dieser Ertrag würde ausreichen, in der britischen Zone die Zuteilungen namhaft zu erhöhen, und so ist auch ab 14. Oktober eine Erhöhung auf 750 g vorgesehen. Mit der Beseitigung der amerikanischen Zonengrenze müssen jedoch beide Gebiete gemeinsam – betrachtet werden. Bei der schwierigen Versorgungslage im amerikanischen Gebiet ist es naheliegend, die Augen nach dem Osten zu richten. Freilich ist aus den Gebieten unter polnischer Verwaltung nichts zu erwarten. Nach Meldungen aus der russischen Zone sind dort 225 000 ha mit Rüben bestellt; der Plan soll mit 100 Prozent erfüllt sein, was einer Ausbeute von 700 000 t entsprechen, würde. Dieser Zahl gegenüber erscheint eine gewisse Reserve am Platz. Wenn auch die Großbetriebe dort nur etwa ein Viertel (27,4 v. H.) der Nutzfläche inne hatten, so erzeugten sie doch drei Viertel der Rüben (1943). Sie werden von dem russischen Enteignungsgesetz betroffen. Ein Eitragsausfall ist zu befürchten, sein Umfang schwer zu beurteilen. Bei vorsichtiger Schätzung dürfte aber wohl mit einer Erzeugung, von 500 000 t Zucker gerechnet werden können. Dies entspräche einer Erzeugung von 25 kg je Kopf, so daß eine Abgabe an die amerikanische Zone möglich ist. Die deutsche Gesamterzeugung würde sich damit auf 960 000 t stellen, bei 66 Millionen Einwohnern immerhin 14 kg je Kopf. Zum Vergleich sei der Friedensverbrauch angeführt: Dänemark 54, England 50, Belgien 30, Frankreich 25, Deutschland 27 kg. Den niedrigsten Verbrauch hatte Rußland (13,4 kg).

Mit Überseezucker kann kaum gerechnet werden. Ölfrüchte und Getreide müssen den Vorrang genießen. In den USA ist der Zucker der einzige rationierte Artikel. Java, Formosa und die Philippinen fallen weitgehend aus.

Die Tatsache, daß die Russen einen Teil der Zuckerfabriken abmontiert haben, deutet darauf hin, daß sie ebenfalls mit einem Rückgang der Rübenerzeugung gegen früher rechnen. Es sind oder sollen 19 Fabriken abgeliefert werden, u. a. die Raffinerie Tangermünde, die größte Europas. Einschließlich der Fabriken in der polnischen Zone und gewisser Kriegsschäden dürfte sich damit die Kapazität der deutschen Zuckerindustrie um 40 v. H. vermindert haben.