Finnland ist in der angelsächsischen Presse das Musterprotektorat der Sowjetunion genannt und mit Dänemark zur Zeit der deutschen Besatzung verglichen worden. Ausländische Journalisten sind stark beeindruckt, weil sie die Einreiserlaubnis sehr schnell erhalten und und sich im Lande frei bewegen können. Sie finden eine Presse vor, die der der Vorkriegszeit weitgehend entspricht Überall wird emsig gearbeitet, neue Wohnblocks sind in Helsinki entstanden. Das Warenhaus von Stockmann hat hübsche Auslagen, die Bauern modernisieren ihre Gebäude und Betriebe. Die Ernährung und Kleidung der Stadtbevölkerung lassen allerdings viel zu wünschen übrig.

Finnland genießt heute mehr Freiheiten als die andern Länder der sowjetischen Einflußzone. Man könnte fast sagen, die Souveränität Finnlands sei unangetastet geblieben. Die Wahlen zum Parlament wurden frei durchgeführt, wenn auch auf einige Kandidaten, die als zu belastet galten, verzichtet werden mußte. Die Regierung ist Herr im Lande, Generalfeldmarschall Mannerheim konnte unangetastet Staatspräsident bleiben, bis er aus Krankheitsgründen zurücktrat. Die von der Sowjet-Besatzungsmacht ausgeübte Kontrolle ist mehr indirekt und auf Hinweise beschränkt. Die Presse untersteht zwar einer Zensur, aber diese besagt nicht viel. Die Blätter enthalten sich wohl jeder Kritik an der Sowjetunion und an gewissen politischen Notwendigkeiten, bleiben aber ihrer Parteitradition treu, so daß ihr Bild sehr lebhaft ist. Die Russen verzichten auf direkte politische Propaganda und gehen den von Frankreich in Jahrzehnten erprobten Weg der kulturellen Veranstaltungen. Die Kommunistische Partei hat sich, wie im Westen Europas, mit dem linken Flügel der Sozialdemokratie in der Demokratischen Union vereinigt und legt auf die Zusammenarbeit mit den Sozialisten und den Kleinbauern hohen Wert. Die Forderungen der Sozialisierung und Bodenreform wurden zurückgestellt. Grüne und Rote Front marschieren gemeinsam.

Die drei großen Parteien, die Demokratische Union, die Sozialdemokratie und die Kleinbauern, sind fast gleich stark, haben dreiviertel der Parlamentssitze inne und stellen zehn der zwölf Mitglieder der Regierung. An der Spitze der Regierung steht Pekkala von der Demokratischen Union. Außenminister ist der Unabhängige Enckell. Die am meisten diskutierte Persönlichkeit ist der kommunistische Innenminister Yryö Leino, der Schwiegersohn des Präsidenten der finnisch-karelischen Sowjetrepublik, Kuusinen. Es herrscht gewissermaßen die Dynastie Kuusinen. Kuusinen selbst entstammt dem guten Bürgertum, mußte aber 1919 Finnland verlassen und hielt sich seitdem in Moskau auf. Er, seine Tochter und sein Schwiegersohn haben das Vertrauen weiter Kreise gewonnen, aber so mancher fragt, ob nicht später an Stelle der Kuusinens andere treten.

Wenn auch Finnland heute viele Freiheiten genießt, so ist anderseits die politische und wirtschaftliche Lage keineswegs befriedigend. Eine Besserung ist nach dem bisherigen Verlauf der Pariser Konferenz für die nächste Zeit nicht zu erwarten. Finnland hat mit Petsamo seinen Zugang zur Arktis, mit Porkkala einen wichtigen Punkt am Finnischen Meerbusen, ferner das schöne Viborg und die Verbindung durch den Saimaa-Kanal eingebüßt. Etwa 400 000 Karelier, also gut ein Zehntel der Bevölkerung, müssen umgesiedelt werden. An Reparationen sind von 1944 bis 1952 300 Millionen Dollar in Waren auf der Preisbasis von 1938 zu liefern, also etwa der dreifache Betrag der Jahresernte. Diese Reparationen erfolgen zu einem Drittel in Holz, zu einem weiteren Drittel in Schiffen und Kabeln und zum letzten Drittel in Maschinen und anderen Produktionsmitteln. Die Maschinen, Schiffe u. a. Industrieerzeugnisse müssen von der eigenen Industrie hergestellt werden, aber diese Industrie muß erst aus dem Nichts Beschaffen werden. So bekommt Finnland zwar eine Produktionsmittelindustrie, aber diese ist künftig auf Rußland als Absatzgebiet angewiesen und Finnland so mit der Sowjetunion eng verbunden, Während es bisher vorwiegend nach den angelsächsischen Ländern exportierte. Viele Lieferungen Erfolgen aus Bestanden, so daß Finnland z. B. kaum noch Schiffe besitzt. Die Verarmung Finnlands wird hierdurch verstärkt.

Die russischen Reparationsforderungen haben viel Kritik ausgelöst, zumal die Einzelwünsche der Russen erheblich sind und oft Produktionsumstellungen notwendig machen. Die finnische Regierung hat auf der Pariser Konferenz vorgeschlagen, den Betrag auf 100 Millionen Dollar zu ermäßigen oder die Lieferungen auf einen längeren Zeitraum auszudehnen oder den prozentualen Anteil des Holzes zu erhöhen. Rußland zeigt aber in dieser Frage kein Entgegenkommen. Wie erklärt sich nun anderseits die Großzügigkeit Rußlands in der Gewährung politischer Freiheiten?

Rußland berücksichtige, so meinen die einen, daß Finnland im Gegensatz zu Rumänien, Bulgarien und Ungarn eine demokratische Tradition habe und daß in Finnland die Demokratie nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Selbstverständlichkeit sei. Fast jeder Finne sei in den Genossenschaften organisiert. Die Rote und die Grüne Front sind seit langem solide fundiert, während die Rechte nie einen größeren Einfluß besessen hat. Diese Demokratie entspreche sogar insofern den russischen Vorstellungen, als Finnland als eins der wenigen Länder das Einkammersystem hat.

Die Russen fürchten den nationalen Widerstand der Finnen, so betonen andere Finnländer sehr gern. Tatsächlich mahnt die Geschichte in dieser Hinsicht zu einer gewissen Vorsicht. Als unter Bobrikow als Generalgouverneur von 1898 an die Russifizierung einsetzte, war der finnische Widerstand so stark, und es kam 1905 zu einem umfassenden Nationalstreik, daß diese Russifizierung aufgegeben und die Verfassung wiederhergestellt werden mußte. Andere wiederum meinen, die russische Haltung sei nur Propaganda, um speziell die skandinavischen Völker zu beeinflussen.