Das Moskauer Militärtribunal hat den Namen Semeonow noch einmal aus jahrzehntelanger Vergessenheit auftauchen lassen, um seinen Träger dann an den Galgen zu schicken. Die Rote Armee wußte ihn 1945 in der Mandschurei zu finden, nicht weit von jenen sibirischen Bereichen also, in denen Semeonow vor fast dreißig Jahren Bürgerkrieg gegen das sowjetische Regime geführt hatte. Damals wollte er mit Koltschak die Revolution von 1917 niederwerfen und schon damals paktierte er Mit den Japanern. Sie scheinen ihm später ein Asyl gewährt und in Reserve gehalten zu haben. Nach 1941 aber, als die Russen im Westen Krieg führen mußten, erschien er wieder auf der Bildfläche – nach Aussagen japanischer Zeugen im Prozeß und auch nach eigenen Geständnissen völlig im Sold der Japaner, die in der Mandschurei lange Zeit ihre Kwantungarmee für einen Krieg mit Rußland bereit hielten. Man hat kaum Anlaß, an den Feststellungen des Prozesses über die Zusammenhänge zweifeln. Solche Tatbestände pflegt jedes Regime mit einem Todesurteil zu quittieren.

Wäre Semeonow nicht auch auf das Schachbrett der großen Politik geraten, so hätte seine zweifellos kleine Figur sich kaum jemals Geltung verschafft. Sein Name war jedoch einmal mit den wirren Ereignissen einer Nachkriegsperiode verknüpft, die in mancher Beziehung anarchisch und maßlos war. Schauplatz war Sibirien. Die Gegenrevolutionäre von 1917 wollten den Krieg gegen Deutschland fortsetzen und konnten darum mit dem Interesse der westlichen Alliierten rechnen. Zugleich gab es die 45 000 Tschechen, die sich aus dem Innern Rußlands und seiner revolutionären Wirrnis hinauszukämpfen versuchten. Zur Unterstützung dieser beiden Gruppen begannen nun die Alliierten, bevor der europäische Krieg 1918 beendet war, Material, Militärmissionen und Truppen zu schicken. Schließlich standen 2 japanische Divisionen, etwa 7000 Amerikaner, eine britische Militärmission sowie einige französische Abteilungen zwischen dem Baikalsee; und Wladiwostok. Das Ergebnis dieser Expeditionen war sehr bald ein Hexenkessel des Mißtrauens, der Reibungen, der Verdächtigungen und Intrigen. Seine Köche waren – die Ortskundigen, die Koltschakleute und die Japaner. Den Weißrussen ging es vor allem um das Material, oft mehr aus geschäftlichen als aus militärischen Gründen, und oftmals wußten beispielsweise die Amerikaner nicht, ob jene Leute, die sich für die Transporte interessierten und dann und wann auch mit der Waffe in Schach gehalten werden mußten, Freunde oder Feinde waren. Ein völlig undurchsichtiges Spiel aber trieben die Japaner. Und mit ihnen hielt es Semeonow.

Wenn man später die finstersten Seiten des sibirischen Abenteuers kennzeichnen wollte, hat man diesen Semeonow beschworen. Der amerikanische Generalmajor Graves, der die USA-Truppen befehligte, belastet ihn in seinen Erinnerungen mit Grausamkeiten, „an die sich das russische Volk noch fünfzig Jahre lang erinnern wird“. Graves weiß von der Ermordung ganzer Gefangenentransporte, von „Tötungsstationen“ und von der Ausrottung einer ganzen Dorfeinwohnerschaft zuberichten. Aber auch hinter einen Angriffsplan der Semeonow-Leute gegen USA-Truppen sind die Amerikaner gekommen; es war eine japanische Intrige.Nun, der sibirische Wirrwarr, bei dem auf japanischer Seite vermutlich ebenso maßlose wie groteske Träume von Expansion mitspielten, ist eine Nachkriegsepisode geblieben. Die Welt fand ihr -Gleichgewicht flach dem ersten Weltkrieg wieder, obwohl zeitweise scharfe Worte zwischen „den Mächten fielen und imperialistischen Phantasien verführerischer Spielraum geboten wurde.

Semeonow hat länger als zwanzig Jahre auf die Wiederkehr des Krieges warten müssen, dem er sich verschrieben hatte. Ohne die Beihilfe des verblendeten Globalstrategen Hitler würde er heute noch warten – würde er völliger Vergessenheit anheimgefallen, und damit vielleicht dem Aufgeknüpftwerden entgangen sein.