Von beiden Seiten, von Washington so gut wie von Stockholm, ist zwar der amerikanische Protest gegen den russisch-schwedischen Handelsvertrag bagatellisiert worden; neuere Ereignisse aber, wie etwa die Nachricht, daß nun der Weg für den Abschluß eines britisch-russischen Handels-, vertrages geebnet sei, lassen erkennen, daß dieser Protest ein Faktum von weittragender Bedeutung war.

Die Nervosität der USA, die jener Einspruch erkennen läßt, erklärt sich aus Befürchtungen, daß das russische Geschäft weit hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleiben werde. Diese Erwartungen waren erheblich. Das Handelsministerium hat mehrfach darauf hingewiesen, daß Waren bis zum Werte von zwei Milliarden Dollar kurzfristig in Rußland abgesetzt werden könnten – insbesondere Eisenbahnmaterial, Ausrüstungen für Schmieden, Bergwerke, Erdölbohrungen, Erdölraffinerien und elektrische Öfen, ferner Werkzeugmaschinen, Generatoren und landwirtschaftliche Maschinen aller Art –, vorausgesetzt „nur“, daß man sie kreditiere. Kredite seien notwendig, weil Rußland zur Zeit nur zum Teil mit Waren zahlen könne, wie mit Holz, Mineralien, Pelzen, Baumwolle, Getreide, Erdöl und Gold, also mit Produkten, die Amerika meistens selbst im Überfluß habe. Zeitweilig schien es so, daß Amerika dies große Geschäft machen würde, zumal es einige der so dringend nötigen Werkzeugmaschinen sofort liefern kann; jetzt aber liegt England im Rennen vorn. England hat die aus der Kriegszeit noch offengebliebenen Fragen kürzlich geklärt, liefert nun die Ausrüstungsgegenstände für Elektrizitätswerke, erhält 25 000 Standard Holz und kann jetzt das große Handelsabkommen vorbereiten. Britische Fachleute haben sich nach Moskau begeben. Dieser britisch-russischen Vereinbarung war vorangegangen, daß Schweden sich erfolgreich in das russische Geschäft einschalten wollte. Schweden will, neben einem regelmäßigen Güteraustausch von je 100 Millionen Kronen jährlich, auf Kreditbasis für fünf Jahre je 200 Millionen Kronen, nach der Sowjetunion ausführen, und zwar insbesondere Erzeugnisse der elektrischen Industrie.

Bei diesen Verhandlungen hat sich das russische Außenhandelsmonopol als eine starke Macht erwiesen. Rußland kann dank ihm die Interessenten gegeneinander ausspielen und dann auf Kompensationsbasis abschließen. Diese Methoden sind es aber, gegen die sich die USA besonders wenden, weil sie, nach amerikanischer Auffassung, einen Wiederaufbau des Welthandels erschweren. Die USA halten an dem alten Grundsatz der Meistbegünstigung fest. Sie sehen in den vielen für die Zeit zwischen den beiden Kriegen typisch gewesenen Abweichungen von der Meistbegünstigung das große Übel Sie wenden sich gegen Außenhandelsmonopole, gegen jedes Kompensations- und Verrechnungsgeschäft und gegen jede Art von Vorzugsbehandlung (so insbesondere gegen die Vorzugszölle des britischen Weltreiches). Durch das Gesetz des Jahres 1934 haben sie ihre Handelspolitik auf die Meistbegünstigung gestellt und such mit Schweden einen solchen Vertrag abgeschlossen; so erheben sie jetzt Einspruch gegen den schwedischrussischen Vertrag, weil dieser „einseitige Vorteile“ geben und somit der Meistbegünstigung widersprechen würde...

Die Russen lehnen aber ebenso eindeutig die Meistbegünstigung ab, mit dem Hinweis, dieses „gleiche Recht für alle“ wirke sich, wie überall im Leben, so auch in der Handelspolitik, einseitig zugunsten des stärkeren, insbesondere des kapitalkräftigen Landes aus. Aus diesem Grunde, so heißt es, seien die kleinen Länder gegen die Meistbegünstigung, suchten ihr Heil in enger Verbindung mit Nachbarstaaten. Die Meistbegünstigung würde auf eine Beherrschung der Welt durch das amerikanische Kapital hinauslaufen. Sie sei, wie, überhaupt die Phrase vom neuen, wirtschaftlichen Internationalismus, nur eine Tarnung für die egoistischen Hintergründe gewisser amerikanischer Kreise, so argumentieren die Russen. Sie treten damit offen für eine Blockbildung ein.

Groß ist für die USA die Gefahr, daß sie in ihrem grundsätzlichen und leidenschaftlichen Eintreten für die Meistbegünstigungsklausel aus dem russischen Geschäft verdrängt werden. Dies erkennen immer deutlicher die am Geschäft interessierten Kreise. Sie verlangen eine Änderung der amerikanischen Politik. Donald Nelson hat kürzlich darauf hingewiesen, daß neue Formen im Verkehr mit Rußland gefunden werden müßten, und hat besondere Zahlungsweisen auf Austauschbasis vorgeschlagen. Auch der von Keynes früher, gemachte allgemeine Vorschlag einer Clearingunion taucht in abgewandelter Form wieder auf. Die sensationelle Rede von Wallace, der (als Handelsminister) an das von ihm so oft propagierte russische Geschäft gedacht haben mag, als er einen Kurswechsel der amerikanischen Politik gegenüber Rußland verlangte, findet wohl so ihre einfachste Erklärung. Gr.