Die kommenden Besprechungen der Großen Vierüber Deutschland werfen ihre Schatten voraus. Daß sich dabei chauvinistische Kreise des Auslandes regen und überbieten, zum Teil absurde Forderungen anmelden würden, war vorauszusehen. So ist in Warschau ein auffallendes Interesse für die Lausitz erwacht. Zu den zahlreichen Anträgen, die der Pariser Konferenz vorliegen, gehört als Merkwürdigkeit die Denkschrift eines „Nationalkomitees der Lausitzer Serben“, das in Bautzen stehen soll. Die Überbringerin dieses Dokuments ist eine Frau Dr. Cyz, deren Mann sich in Warschau aufhält. Sie teilte der überraschten Pariser Presse mit, daß „annähernd eine halbe Million“ Lausitzer nicht länger zu Deutschland gehören wollen. Die Lausitz sei „Brückenkopf für den deutschen Drang nach Osten“ gewesen.

Es erweist sich, daß diese Denkschrift nur ein Glied in der Kette einer planmäßigen Aktion darstellt, die von Warschau aus betrieben wird. Vertreter einer „Polnischen Verteidigungsbewegung für die Lausitz“ führten in Warschau „wichtige und fruchtbare Gespräche“ mit höchsten Regierungsstellen. Der Vorsitzende dieser Organisationbemerkte, durch die Rettung der Lausitzer sichere Polen seine Westgebiete. Der polnische Stadtrat in Breslau beschloß einstimmig, durch den Nationalen Landesrat, das provisorische polnische Parlament, die Regierung unverzüglich zu diplomatischen Schritten zu bewegen, damit die „gerechten Ansprüche“ der Lausitz auf nationale Unabhängigkeit erfüllt würden. Die gleichen Forderungen erhebt eine von allen sozialistischen Vereinen Krakaus unterschriebene Denkschrift der „Gesellschaft der Freunde der Lausitz“, die im übrigen vorschlägt, im Bautzener Gebiet sofort die Verwaltung in die Hände der „Lausitzer Serben“ zu geben und einen polnischen Vertreter in Bautzen zu bestellen, Sicherheitsrat und Friedenskonferenz werden als die geeigneten Instanzen bezeichnet zur „positiven Lösung“ der Frage im Sinne der Schaffung einer „vom deutschen Element von Grund auf gereinigten staatlichen Einheit“. Nach dieser Denkschrift soll das „deutsche Ausfalltor“ der Lausitz zu einem „Brückenkopf“ für Polen und Tschechen werden. Zur Unterstützung aller dieser Bestrebungen werden in Polen „Tage der Lausitz“ vorbereitet, die im Oktober stattfinden sollen. Initiator dieser „allpolnischen Aktion“ ist der „Akademische Verband der Freunde der Lausitz“, der sich behördlicher Förderung erfreut. Im Warschauer Organisationskomitee für die Veranstaltung erklärte ein Redner: „Alles, was die deutsche Macht schwächt, sollte mit ganzer Kraft vom polnischen Volke unterstützt werden.“

Zweck der Propaganda ist die Weckung des Interesses für die Lausitz in der polnischen Öffentlichkeit und die Erhebung der politischen Forderung auf Abtrennung des Spreewaldgebietes von Deutschland. Die Warschauer kommunistische Zeitung „Glos Ludu“, der innerhalb der Regierungskoalition maßgebliche Bedeutung zukommt, brachte eine Karte, die die historische und gegenwärtige Verbreitung der „Lausitzer Serben“ nach polnischer Auffassung darstellt. In dem Gebiet, das als gegenwärtiges geschlossenes wendisches Siedlungsgebiet betrachtet wird, liegen die Städte Bautzen, Spremberg, Forst und Kottbus. Es reicht im Nordwesten bis nach Lübben hinauf und nähert sich mit der nordöstlichen Spitze Frankfurt. Da gleichzeitig der „Wissenschaftliche Rat für die wiedererlangten Gebiete“ einen genügend breiten Streifen auf dem gesamten linken Oderufer, soweit es noch deutscher Verwaltung untersteht, bis zur Mündung gefordert hat, würde sich ein Vorschieben des polnischen Gebietes bis zu den Spreewaldwenden, deren Zahl vom „Glos Ludu“ mit 275 000 angegeben wird, von selbst ergeben.

Als die Oder-Neiße-Linie als erreichbares Kriegsziel auftauchte, eine Linie, an die frühere polnische Chauvinisten nicht einmal im Traum gedacht hatten, wurde sie polnischerseits als ideale und ewige Grenze zwischen Slawen und Germanen gepriesen. Man ging sofort daran, durch rigorose Massenzwangsausweisungenund andere Mittel eine gewaltsame „Entdeutschung“ der fraglichen Gebiete herbeizuführen, um jede künftige endgültige Regelung bereits vor ein Fait accompli zu stellen. Und dies, obwohl nach den Vereinbarungen von Jalta und Potsdam diese Gebiete nur der polnischen Verwaltung bis zur endgültigen Regelung der territorialen Fragen unterstellt wurden! Inzwischen ist selbst diese Linie schon bei Stettin überschritten worden, eine sowjetisch-polnische Grenzkommission hat Kontrolle und Verwaltung der Oder vollständig in polnische Hand gegeben und berät noch über „kleine Berichtigungen der polnischen Westgrenze“. Eine polnische Forderung auf Erweiterung des Stettiner Gebietes liegt in Moskau vor. Würde auch polnischen Wünschen in bezug auf die Lausitz nachgegeben, so würde automatisch eine Neigung zur „Arrondierung“ zwischen den beiden „Brückenköpfen“ Stettin und Lausitz auftauchen, zumal da die Umgrenzung des beanspruchten Gebietes schwankt. Wie unter den heutigen Umständen Loslösungspropaganda in einem Gebiet, in dem nur noch in wenigen Dörfern neben der deutschen Sprache eine, andere gesprochen und verstanden wird, geführt werden kann, ist aus Südschleswig bekannt. Die polnische Annexionspropaganda führt zu so absurden Folgerungen, daß man sich fragen muß, ob nicht, nachdem sie selbst die Unhaltbarkeit der Oder-Neiße-Linie erweist, eine Friedenskonferenz, die dem deutschen Volke die Lebensmöglichkeit belassen will, mit der Prüfung eben dieser Linie den Anfang machen müsse.

Der Geist jedenfalls, in dem Polen allen diesen Fragen gegenübersteht, und aus dem heraus Polen auch offenbar die Neugestaltung Europas betrachtet, verrät sich in der Stellungnahme des „Robotnik“, des Organs der Polnischen Sozialistenpartei, der Ministerpräsident Osubka-Morawski angehört, in der es zu den separatistischen Bestrebungen in Südschleswig heißt: „Die Frage berührt auch die polnischen Interessen, wie jedes deutsche Territorialproblem mit den polnischen Interessen in höchstem Maße verbunden ist. Die Linie des polnischen Interesses ist in allen diesen Territorialproblemen – sogar den kompliziertesten – einheitlich und immer klar. Im Interesse Polens liegt immer die Entscheidung, die Deutschland schwächt.“

Walther Niemann