Die Straße hört plötzlich auf. Schwere Baumstämme türmen sich zu einer Sperre; dahinter, zwischen den Kopfsteinen, sprießt grünes Unkraut. Eine Straße am Ende der Welt... Wozu dient sie noch? Daß abends hier die Dorfbewohner Spazierengehen. Einer deutet mit kurzer Handbewegung nach drüben, wo die grün überwucherte Straße im Abenddämmern undeutlich zwischen den abgeernteten Feldern verschwindet, und sagt: „Da kommen sie...“

Drüben, der dunkle Klecks zwischen den Feldern, das ist eine Gruppe wartender Menschen. Ein paar von ihnen haben sich von ihrer Umgebung gelöst und sich dem Kreuzweg genähert, wo in einem mit Laub getarnten Erdloch ein russischer, Posten stecken muß. Der nächste Posten sitzt abseits auf einer leichten Anhöhe in einem kleinen Betonbunker mit viereckigen Schießscharten, und dann ist noch der Kommandant zu fürchten, der drüben in der Ziegelei, wo jetzt zwei Fenster hell aufleuchten, sein Quartier hat. So bleibt die Straße für die schwerbeladenen Menschen die beste Wahl. Gestern hatte der Posten, wenn auch barsch, einen ganzen Schub durchgelassen. Auch diesmal scheint alles gut zu gehen; da wird bei der Ziegelei das Knattern eines Motorrades laut. Und im gleichen Augenblick taucht eine untersetzte erdbraune Gestalt auf der Straße auf, der Posten, Nehmen wir an, daß der Motorradlärm ihm die sichere Nähe seines Offiziers verraten hat. So unterstreicht er nun diensteifrig sein „Stoi!“ mit einigen unmißverständlichen Bewegungen seines Gewehrs.

Als drüben die kleine Menschengruppe deutlich gegen den helleren Himmel sichtbar wird, wie sie sich langsam der Ziegelei zuschiebt, vor der sie eine roh gezimmerte, wohl zehn Meter hohe Pforte mit der roten Flagge darüber wie ein Triumphbogen erwartet, sagt jemand auf unserer Seite: „Die brauchen wohl wieder ein paar zum Kartoffelschälen...“

So sieht es an ereignislosen Abenden am „Eisernen Vorhang“ aus. Aber an trüben Tagen und in Regennächten geschieht es, daß die Grenze „Menschen frißt“...

Beim Kriminalkommissar Ettlinger in Helmstedt klingelt das Telephon. Ein Mann war im Marienthaler Forst zwei Meter von der Grenze entfernt, auf britischem Gebiet tot aufgefunden worden. Er wies vierzehn Stichwunden im Bauch, und Oberkörper auf. Quer durch den Hals steckte ein Schraubenzieher. Das Gras war rundum zertrampelt; Papiere, eine leere Brieftasche, ein zerrissener Mantel lagen umher. Wer ist der Mörder? Das Grenzgebiet ist voller Rätsel und Geheimnisse. Fünf Raubmorde monatlich, vierzig Grenzzwischenfälle in einem Kreis. Besonders gegen Viehverschleppungen und Schlachtviehdiebstähle führt die Polizei einen fast hoffnungslosen Kampf. Denn die jenseitigen Gebiete sind – besonders was Mecklenburg betrifft – durch rücksichtslose Schlachtungen arm an Vieh geworden. An manchen Stellen werden fünfzehn, zwanzig Stück Vieh in einer Nacht über die Grenze gebracht. Dreitausend Menschen wagen es täglich, ausgeplündert, erschossen oder mißhandelt zu werden. Was treibt sie dazu?

Früher waren es durchweg Bombenflüchtlinge, die zurückkehrten, entlassene Soldaten, Evakuierte, Familien auf dem Wege in die alte Heimat, Väter auf der Suche nach ihren Angehörigen, Dann kamen die Ausgewiesenen aus Polen. Aber heute gehört die Mehrzahl der Grenzgänger einer andern Kategorie an. Manche, gehen beispielsweise nach Berlin, um Gepäck zu holen oder Verwandte zu besuchen. Aber viele kalkulieren die Gefahr in Papiermark, um und schlagen sie auf den Preis der Ware, die sie auf ihrem Rücken durch den Wald oder die Felder schleppen: Zucker, Schnaps, Garn, Knöpfe nach Westen, Zigaretten, Farben, Gummiwaren nach Osten. Vierzig Mark kostet eine Flasche Schnaps drüben, wo immer noch der Kartoffelübermuß In die Brennereien wandert, zweihundertfünfzig Mark im Britischen. Ist das kein Geschäft?

„Die verdammten Schwarzhändler“, sagen die Leute in der Gastwirtschaft, die „Zur deutschen Eiche“ heißt und gleich am Ausgang des Dorfes, reine zweihundert Meter von der Grenze entfernt liegt. „Die Schwarzhändler bringen das Grenzgehen in Verruf und schaden den ordentlichen Leuten, denen man es gönnt, daß sie heil rüberkommen.“ Die Gaststube in der „Eiche“ ist immer toll von Menschen, aber nicht mehr so voll wie Tor einigen Wochen noch, als die Leute auf Stühlen und Bänken, auf Tischen und dem Boden lagen.