Die Wahlen in den drei westlichen Zonen, der englischen also, der amerikanischen und französischen, diejenigen deutschen Wahlen, deren Ergebnis den freien politischen Willen des deutschen Volkes widerspiegelt, haben ein überraschendes, keineswegs vorherzusehendes Ergebnis gehabt: das ist die große Zahl der Stimmen, die für unabhängige Kandidaten abgegeben worden sind. Diese Tatsache ist sehr verschieden kommentiert worden. Zweifellos hat eine Rolle gespielt, daß es sich zum Teil um Wahlen für Vertretungen in kleinen Gemeinden handelte, daß also Fragen des täglichen Lebens dem Wähler wichtiger schienen als die großen Gesichtspunkte der Wirtschaft und des Staatsaufbaues, wie sie in den Programmen und Ideologien der Parteien vertreten werden. Da ist es durchaus begreiflich, daß Männer und Frauen gewählt wurden, die in praktischen Fragen das Vertrauen ihrer Mitbürger besitzen. Doch genügt dies allein nicht, um das Ergebnis zu rechtfertigen. Die Parteien haben daher auch darauf hingewiesen, daß sich in ihm eine politische Unreife des deutschen Volkes spiegele, jene immer wieder beklagte Unreife, die durch die verhängnisvolle Lahmlegung aller selbständigen politischen Betätigung in der Hitler-Zeit noch verstärkt worden sei.

Aber, so möchten wir fragen, heißt dies nicht vorschnell urteilen? Ist es wirklich ein Zeichen politischer Unreife, wenn ein großer Teil eines Volkes, das zum ersten Male nach den grauenhaften Erfahrungen unter einer autoritären Regierung demokratisch wählen darf, sich gegen Parteien entscheidet und seine Stimme lieber unabhängigen Kandidaten gibt? Es ist behauptet worden, es zeige sich in diesem Wahlergebnis insbesondere ein Mangel an realpolitischem Sinn, denn nur starke Parteien, die sichere Mehrheiten in den Parlamenten ermöglichen, könnten brauchbare Regierungen ergeben. Ähnliche Vorwürfe werden, gerade von Deutschen in letzter Zeit immer wieder erhoben. Aber mangelndes Verständnis der Realpolitik bedeutet nicht, daß eine Nation überhaupt keinen Sinn für Fragen der Politik habe. Es ist im Gegenteil möglich, daß ein solches Volk ein sehr empfindliches Gefühl für politische Wandlungen besitzt, daß ihm nur die politische abgeht, diese Erkenntnisse konkret zu gestalten. Man könnte sogar meinen, daß eben dieser Mangel auch seinen Vorzug hat, den nämlich, daß grundsätzliche Wandlungen deutlicher hervortreten, wenn sie längere Zeit keine feste Form annehmen, also nicht vorschnell erstarren. Gewiß ist damit immer die Gefahr verbunden – und die deutsche Geschichte lehrt, wie tödlich sie sein kann –, daß die politischen Kämpfe hauptsächlich auf der Ebene des Grundsätzlichen, der „Weltanschauung“, entbrennen. Aber unheilvoll wird dies immer erst dann, wenn Realpolitiker rücksichtslos, die Weltfremdheit der Deutschen für ihre Zwecke ausnutzen. Dies spricht nicht dagegen, daß die ursprünglichen intuitiven Entscheidungen auf dem Gebiet der Politik richtig sein könnten und ernsthaft beachtet werden müßten.

Als viele deutsche Wähler 1933 ihre Stimme für den Nationalsozialismus abgaben, waren den meisten die eigentlichen verbrecherischen Ziele Hitlers zufolge einer infamen Propaganda völlig unbekannt Was sie erstrebten, war nicht eine autoritäre, sondern eine stabile Regierung. Die leidenschaftlichen Parteikämpfe, die lähmenden Streikbewegungen und das klägliche Bild, das der regierungsunfähige Reichstag bot, hatten die Sehnsucht nach Ruhe und Stetigkeit hervorgerufen. Als sich endlich die Erkenntnis Bahn brach, daß diese Entscheidung entsetzliche Folgen hatte, war es zu spät, um sie zu widerrufen.

Eine solche Fehlentscheidung ist keineswegs nur eine deutsche Angelegenheit. Wir sind nicht das einzige Land, das sich um der Stabilität willen einer autoritären Regierung verschrieb. Es gibt auch heute noch Staaten, die keine Demokratie nach klassischem Muster besitzen, und in den großen demokratischen Ländern ist während der letzten Wahlkämpfe die Form des korporativen Staates in Zeitungen und Zeitschriften lebhaft als eine Möglichkeit diskutiert worden. Wir haben allerdings heute vor andern Ländern vielleicht eine besondere Erfahrung voraus: Wir haben auf grauenvolle Weise, erfahren, zu welch abscheulichen Formen, die jeder Menschlichkeit ins Gesicht schlagen, eine autoritäre Regierung führen kann, zumal wenn sie in die Hände von Verbrechern fällt, und grundsätzlich führen muß, weil unkontrollierte Macht leicht der Gefahr erliegt, die Menschenrechte um politischer Zwecke willen zu mißachten. Das deutsche Volk hat hieraus seine Lehren gezogen, doch ohne den Wunsch nach einer Stabilität der Staatsführung aufzugeben. Es hat sich bei den Wahlen eindeutig für die Demokratie entschieden. Dies ist um so bemerkenswerter, als bei uns die Verhältnisse für den Aufbau eines demokratischen Staates keineswegs günstig liegen. Das allgemeine Elend ist groß, ganz besonders unter jenen unglücklichen Vertriebenen aus dem Osten, die entwurzelt und oft unter menschenunwürdigen Verhältnissen unter uns leben. Diejenigen, die eine Radikalisierung der Massen erwartet hatten, haben sich geirrt. Daß die Kommunistische Partei eine so sichtbare Niederlage erlitt, kommt eben daher, daß die Wähler ihren demokratischen Parolen mißtrauten und den autoritären Charakter ihres Programms ablehnten. Alle Parteien, die einen Anspruch auf Totalität erheben, würden heute in Deutschland ein gleiches Schicksal erleiden. Es ist auch kein Zweifel, daß dieses Mißtrauen, diese Furcht, einer Partei zu viel Macht in die Hand zu geben, bei einer Entscheidung für die parteilosen Kandidaten eine Rolle gespielt hat.

Doch weit wesentlicher dürfte hierbei der Wunsch mitgesprochen haben, eine Regierung zu erhalten, deren Aktionsfähigkeit nicht auf wechselnden politischen Leidenschaften, sondern auf vernunftmäßigen Entscheidungen beruht. Dies setzt – so wurde argumentiert – voraus, daß Männer in der Regierung sind, die auf Grund nur ihres Könnens und nicht auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer Partei Posten gelangen, die daher alle Fragen Sachlich und nicht in erster Linie vom Parteistandpunkt ansehen. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier der Wunsch nach Stabilität wieder zum Abdruck kommt, diesmal jedoch in einer Form, die durchaus demokratisch ist, die dem echten Sinn der Demokratie vielleicht genauer entspricht als der moderne Parteienstaat.

Es ist hier eine Absage zu erkennen an das Prinzip der Vermassung, das seit Beginn des 19. Jahrhunderts seine Herrschaft in Europa angetreten hat. In der Politik hat es seine deutlichsten Formen im Nationalismus und im Sozialismus gefunden, in der Wirtschaft, in der Ausschaltung des Einzelbetriebes sowohl im kapitalistischen wie im sozialistischen System, und damit in Planung und Lenkung, die heute eine notwendige Lösung in allen Ländern der Erde geworden zu sein scheinen. Diese Entwicklung ist von Soziologen, Historikern und Philosophen als unausweichlich geschildert worden, und die Verhältnisse scheinen ihnen recht zu geben. So mag es absurd erscheinen und eben wirklich wieder einmal „politisch unreif“, wenn gerade Teile des deutschen Volkes bei den ersten freien Wahlen, die seit langer Zeit stattfanden, eine Entscheidung versuchen, die sich gegen das Prinzip der Vermassung richtet. Diese Vermassung nämlich kommt darin zum Ausdruck, daß die Parteizugehörigkeit bei der Auswahl der Kandidaten eine übergeordnete Rolle spielt, das Programm also bei allen Entscheidungen das sachliche Urteil überschatten muß. Denn dies eben ist das Kennzeichen der Masse, daß der einzelne seiner Individualität entkleidet wird und sich einem anonymen Programm verschreibt.

Wir sind heute im Verhältnis nicht nur zu andern Mächten, sondern auch in unserem eigenen Lande Objekt der Politik. Alle Fehler, die gemacht werden, spüren wir daher besonders deutlich. Wir sehen bei den Friedensverhandlungen und in Gesprächen über Deutschland, wie nationalistischer Fanatismus nach Grenzfestsetzungen strebt, die gegen alle Vernunft sind. Wir erleben Wirtschaftsverhandlungen – bei der Ernährungskonferenz in Kopenhagen etwa –, die Planungen erstreben, die eben jenen Fehler der falschen Grenzen wieder korrigieren und eine glechmäßige Verteilung der notwendigen Lebensmittel über die Welt in die Wege leiten sollen. Und wir wissen doch, daß beispielsweise ein Streik der Seeleute in großen Ländern im entscheidenden Moment diese Verteilung unmöglich machen kann. Wir haben den Unsegen des Nationalismus wie der Planung am eigenen Leibe auch jetzt wieder so deutlich gefühlt, daß wir nachdenklich geworden sind. Ist es da ein Wunder, daß Teile unseres Volkes der Meinung sind, man müsse nicht die Fehler, sondern ihre Ursachen bekämpfen, und daß sie diesem Wunsch auf die einzig mögliche Weise Ausdrucke geben, die ihnen offensteht: bei den Wahlen?