/ Von Karl Korn

Die Technik scheint in einer unmittelbaren sachlichen Beziehung zu jenen Regionen der Erdoberfläche zu stehen, die man die elementare Landschaft nennen kann, zum Hochgebirge, zur See und den Wüsten. So haben die Stahlmasten und Umformerstationen von Bergbahnen inmitten der Felsen und in der Nachbarschaft von Schnee und Firn einen seltsamen Reiz auf den Beschauer. Hafenmolen, auf Reede liegende Schiffe und die geometrischen Lineamente der Krane an den Kais, die Leuchttürme und Signalschiffe sind – wie unser Fühlen ausweist – mit dem Element so verschwistert, daß sie als Landschaft empfunden werden und daß Maler und Schriftsteller sich des Vorwurfs bemächtigen. Ich habe immer einen Genuß darin empfunden, auf Gipfeln einen im Rucksack mitgeführten Vorrat von Erzeugnissen der modernen Genußgüterindustrie zu verzehren, eine Dose Ölsardinen, Schokolade in der bunten Packung der Herstellerfirma, Zigaretten aus dem bedruckten Originalpaket. Die Umgebung verwandelt derartige Güter, die in den menschenbewohnten Ebenen Massenartikel sind, in seltene Kostbarkeiten. Ich vergesse nicht den hohen Genuß einer österreichischen Virginiazigarre, die ich-, am Ausschank des Bahnhofs unter Hochspannungs- und Signalmasten sitzend, zu einem Viertel Tiroler Roten auf. einer Bergbahnstation an der Tauernstrecke jenseits des großen Tunneldurchstichs mit dem Blick hinunter ins Kärntner Land geraucht habe. Auch der Wein und die Orangen, die der Skifahrer im März in die Eisregion mitnimmt, und überhaupt alles, was überseeisch ist wie der Tabak und die Schokolade, sind dank der technischen Zivilisation in die unbewohnte Wüstenzone gekommen

Auf See tritt der Mensch in ein neues Unschuldsverhältnis zum Luxus. Menschen, die das Reisen auf den modernen Schiffen der großen Überseelinien kennen, gehören einer Kaste von wissenden Genießern und Herren an. Auf den Kontinenten bleiben solche Menschen oft ungesellig den technisch-zivilisatorischen Sammelpunkten fern. Sie leben wie die alte Aristokratie des aucien régime zurückgezogen auf unbekannten Landsitzen. An den Bridgetischen, in den Rauchsalons oder auf den Promenadendecks der Lusitania oder Queen Elizabeth werden aus den Rosenzüchtern und Anglern jene modernen Halbgötter, die der Film und der Zeitungsroman mit dem verführerischen Schimmer von Macht und Schönheit umkleiden. Die Ausrüstungen von Polar- oder Wüstenexpeditionen werden-bis ins kleinste Detail erregend-interessant geschildert. Jedes. Meßinstrument, jede Konserve, jedes Bekleidungsstück technischer Herkunft wird in solchem Zusammenhang als einzelnes Stück bedeutsam. Es wird zum Werkzeug und zur Waffe der menschlichen Intelligenz wider die Übermacht, des Elementaren. Das technische Mittel verliert seine Herkunft vom Fließband, es tritt ausser Serie heraus, es ist seines Börsenstückwertes enthoben; hier ist es nicht mehr gestapelte, mit dem Preisschild versehene Massenware, sondern sorgsam gehütetes und von kühnen Rittern in Dienst genommenes Gut. Der französische Pionierflieger Saint-Exupéry erzählt, wie er bei einem der ersten Transsaharaflüge notlanden mußte und wie er in der Wüste aus dem zerschmetterten Flugzeug die Radioempfangsstation unversehrt ausbauen konnte. Das kleine Stückchen Technik in der Wüste wird auf eine geheimnisvolle Weise aus dem bloßen Nutzding zum Symbol.

In der Wüstenei verliert die Technik ihren zerstörerischen Charakter. Wir haben es noch nicht verwunden, daß Eisenbahnschienen und Autostraßen, Hochöfen, Viadukte, Schlote, Sendemasten, Wohnblocks und all das Technische, das zu diesen in der Landschaft sichtbaren Gebilden einer neuen, Natur und Tradition fremden und feindlich überlegenen Welt gehört, den Horizont unseres Daseins erfüllen. Wir kranken seelisch an der noch unbewältigten Zivilisation. Ohne es zu wissen, sind wir Romantiker und trauern um den von Industrie und Verkehr vertriebenen Pan und die zerstörten Häuser und Kommoden unserer Vorväter. Wir vermögen die Technik noch nicht zu ertragen.

In den Regionen der elementaren Landschaft dagegen scheint uns das rechte Verhältnis hergestellt. Das technische Ding wird klein und einzeln. Selbst das in eisiger Höhe erbaute Observatorium erscheint winzig inmitten der Gipfel und Grate, und die in Zementklötze eingelassenen Stahlmasten der Drahtseilbahn nehmen sich zierlich aus, gleich als ob sie darum bäten, von den ungefügen Felsblöcken nicht erdrückt zu werden. Dies ist freilich nicht der einzige Grund, weshalb unser modernes an dem Zwiespalt Natur–Technik leidendes Malaise in der Wüstenregion aufgehoben ist. Das deutliche Vergnügen, das wir auf See und inmitten der Wildnis am technischen Ding empfinden, besteht darin, daß uns der nützliche Dienst des Dings hier deutlicher wird als in der Sphäre des Alltagsumgangs mit den Massengebrauchsartikeln. Hinzu kommt, daß die Wildnis uns nicht an die Kehrseite des Nutzens der Dinge denken läßt, an die Reklame, die unsere Nerven zermürbt, an die Fabrikation, die uns an die Drehbank, ins Stapellager oder an den Schreibtisch fesseln, nicht denken läßt an die sozialen Konflikte, an die Drohung der Technik, deren äußerste Krieg heißt. All dies ist in der Elementarzone aufgehoben. Die Natur ist dort gewaltiger als die Dinge, und der Mensch unterwirft sich leichter und williger dem Element als dem Instrument. In der Elementarzone kann der Mensch das technische Ding anschauen und gebrauchen, ohne gleichzeitig den Schmerz empfinden zu müssen, daß die Technik Baum und Wiese, Acker, Wasser und Luft, die alten larischen Häuser und Städte verändert, verdrängt oder erstickt hat. Denn in der elementaren Landschaft tritt die Technik nicht in Masse auf.

Es gibt andere Heilmittel wider die eroszerstörende Monotonie der technischen Massenwelt. Eines ist der Garten, ein anderes die Gelehrtenzelle in dem großen humanistischen Weltkloster, in das sich die freiheitshungrigen Geister nach einem geheimen Konsens zurückziehen. Diese Orte sind Glücksfälle und, wie alles echte Glück, bedroht. Die Wüstenei ist ein anderer Ort. Er macht wider die Technik und all ihre Ableitungen stark. Seine Gefahren sind nicht zivilisatorischer, sondern elementarer Natur.