Man sollte meinen, daß in schwierigen Zeiten – wie wir sie haben – der Humor besonders gefragt ist. Aber er muß billig sein, denn ihr Geld brauchen die Leute überall auf der Welt für andere, nebensächlichere Sachen, aber nicht für so wesentliches, wie es der Humor ist. Und die Sorte Humor, wie die Micky-Maus – die kleine, übermütige, lustige, geniale Micky-Maus – ihn verkörpert, ist nicht billig. Aus Amerika kommt nun die Nachricht, daß Walt Disney, der Vater der Micky-Maus, bereits vierhundert Angestellte entlassen mußte, weil die Kinobesitzer zu niedrige Preise für die Trickfilme zahlen, so daß ihre Herstellung sich nicht mehr lohnt. Und es ist angekündigt, daß die Produktion der gezeichneten Kurzfilmreihen überhaupt eingestellt wird, wenn die Kinobesitzer sich nicht zu höheren Preisen entschließen sollten.

Die Schwere der Zeit bedroht also die kleine, wendige Micky-Maus, der immer noch wieder einAusweg einfiel; man sollte meinen, daß sie an dem berüchtigten „Zahn der Zeit“ herumturnen würde wie ein Kobold in einem Gespensterhaus. Aber wenn die Leute nicht tiefer in die Tasche greifen, werden auch die Kobolde schließlich ihres Tuns müde.

Der französische Philisoph Henri Bergson hat über die Filmkunst große, anerkennende Worte gesprochen: „Der Film hat einen neuen, für unsere Zeit wesentlichen, künstlerischen Ausdruck hervorgebracht!“ Die kleine Micky-Maus war in dieses Lob mit eingeschlossen. War es doch das lebendige Märchen, die lebendige Fabel, das muntere Leben ohne Erdenschwere schlechthin, die Einbeziehung aller Wesen und Gegenstände als Mitspieler eines Daseins, das sich in tollen Einfällen überschlägt. Es gibt Tiere, die die Milch in die Welt bringen und den Honig und die Perlen, mit denen schöne Frauen sich schmücken. Die Micky-Maus aber war eine Nachholung dessen, was der Schöpfer seinerzeit vergessen hatte: die Erschaffung des Tiers, das das Gelächter in die Welt bringt.

Braucht die Welt kein Gelächter mehr? Hat sie den größten Trost, den es gibt, vergessen? Hat sie keine Zeit mehr dazu? Oder verbietet es ihr die Würde, die Überheblichkeit, die mit gerunzelter Stirn durch die Tage schreitet, um dies und jenes zu vermerken, aber keinesfalls mehr über etwas zu lächeln.

Sie blieb nicht allein – die Micky-Maus!Die drei kleinen Schweinchen folgten und Donald Duck und manches andere. Aber die Micky-Maus blieb doch der Senior der Familie der Trickfilmwesen, das Original, daseinzig in seiner Art war und blieb. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Micky-Maus zu kopieren. In vergangenen Tagen, als Goebbels über den Plänen eines deutschen Filmimperialismus brütete, tauchte natürlich auch die Absicht auf, die Micky-Maus durch einen europäischen Gegenspieler deutscher Prägung zu entthronen. Aber es blieb bei Versuchen. Die Micky-Maus ist nicht zu kopieren.

Jahrelang sind wir von der Micky-Maus abgeschnitten gewesen. Und jetzt, wo vielleicht Aussiehtbestand, sie wiederzusehen, ist sie selbst von Schwierigkeiten bedroht. Aber es bleibt ja die Hoffnung, die älteren Micky-Maus-Filme – die Produktion all der leisten Jahre – doch mal zu Gesicht zu bekommen. Inmitten-unserer Trümmer tut nichts so not wie Humor, jener Humor, von dem ebenfalls Henri Bergson gesagt hat, daß er dem Leben gegenüber die souveränste Haltung sei, die denkbar ist. Micky-Maus, du bist ein Geschöpf der neuen Welt, gewiß, aber du bist auch ein Geschöpf der ewigen Welt, in der das große, befreiende Gelächter zu Hause ist. –us