Von Hans Stock

Das Seil war schon zwischen zwei Masten gespannt, als Herr D. T. Wehrle über den belebte! Marktplatz ging. Hierher führte ihn niemals der Zufall, sondern an bestimmten Tagen der Woche, wenn die Bauern der Umgebung mit ihren Wagen zum Markt in die Stadt kamen, spazierte Herr Wehrle genießerisch zwischen den Ständen auf und ab. Als er dann dieses Seil sah, welches zwischen zwei festverankerten Masten etwas im Bogen durching, als er sah, daß diese Anlage soeben von einen Polizeikommissar überprüft wurde, waren Herrn Wehrles Augen nicht mehr so harmlos bereit, die/freundliche Bewegtheit und das farbige Durcheinander des Marktplatzes in sich aufzunehmen.

Ein Seiltänzer, überlegte er, ist ein Mensch, der auf einem frei in der Luft hängenden Seil hin und her geht, ein Mensch, da die Definition vom Äußerliches her nicht ganz zureichend ist, ein Mensch also, der die Tatsache des Gehens, eingeschränkt zwar, aber um so eindringlicher, demonstrieren will. Denn wer von uns ist etwa kein Seiltänzer? Wenn wir eilig dahingehen, meditierte Herr Wehrle, bewegen wir uns wie jener auf einem recht schmalen Streifen, ja sogar auf einem Strick, wenn wir nicht annehmen, daß er gerade ist. Der Seiltänzer verdeutlicht diese Angelegenheit, indem er sich vom Erdboden entfernt und seine Fähigkeit des Gehens, die hart an die Selbstverständlichkeit grenzt, nochmals und einige Klafter über der Erde wiederholt. Der Fehltritt, den er damit heraufbeschwört und der im praktischen Leben gar keine Wirkung hat, macht eine harmlose Angelegenheit zur wagemutigen Aufgabe.

„Bravo“, sagte Herr Wehrle, als er in seinen Gedanken soweit gekommen war. „Ich will heute abend hingehen. Es ist wirklich ein Segen, daß ab und zu einer den Mut hat, etwas Außergewöhnliches zu tun.“

Ab am Abend die Stunde der Vorstellung gekomnen war, betrat Herr Wehrle als einer der ersten Zuschauer den Platz. Er bezahlte seine – 50 Pfennige und saß dafür auf einem Logensitz. Allerdings, wie er bald bemerkte, kostete ihn seine Großzügigkeit einen Teil des Genusses, denn er saß zu nahe, und am Ende der Vorstellung hatte er vom Hinaufstarren Schmerzen im Genick.

Überhaupt muß gesagt werden, daß die Vorstellung für Herrn Wehrle gemischt blieb aus Genuß und Qual, und wirklich schön waren nur die Vorbereitungen. Die Nacht war klar und warm, der schwarzblaue Himmel wurde durch die blinkenden Sterne vertieft wie eine Höhlung, eine phantastische Wölbung, die so geheimnisvoll nur in unseren Träumen erscheint oder dem Bergwanderer, der unter sich die Erde abendlich verdämmern sieht wie in einer Schale. Die umstehenden Häuser waren hell erleuchtet. Die Magnesiumlichter auf den Mastspitzen blitzten, und der ganze Platz tauchte in strahlend weißes und grelles Licht.

Durch ein paar Clownspäße war die Stimmung aufgelockert worden, sie waren die Hefe, die das Stimmungsbrot durchsäuerten. Dann kam der Hin-Seiltänzer, der mit seinem kleinen schwarzen Spitzbart irgendwie an die Karikatur eines Schneiders erinnerte. Warum aber war er nur so närrisch gekleidet? Das Rot überwog, und blaue und gelbe Streifen liefen an seinen Hosen entlang; auf dem Kopf trug er eine Mütze mit einer Schelle.