„Die Dreigroschenoper“ in Hamburg

Auf der Straße oder sonstwo haben wir jetzt viel Gelegenheit, diesen modernen Nachfahren jenes Red Butler zu begegnen, jenes Helden aus „Im Winde verweht“, der gesagt hat, daß man beim Niederbruch eines Landes ebenso gut verdienen könne wie beim Aufbau. So war es denn mehr als beziehungsvoll, daß man jetzt auch Mackie Messer wiedersah. Und als wir ihn nun wiedersahen, da war der Eindruck gemischt. Manchmal wurden einem die Augen feucht vor Wiedersehensrührung, manchmal wunderte es einen, daß der Bettler-Verein nicht mal Kippen sammelte. Wer hat sich nun gewandelt in der langen Zeit, da wir dich, Mackie, nicht grüßen durften Unter den Linien, du auf der Bühne oder wir drunten im Parkett?

Die Geschichte von Mackie Messer, nämlich die ,,Dreigroschenoper“, hat es nun einmal „in sich“. Das ist ja kein gewöhnliches Stück mit Musik, wenn auch die Nazis schon im Jahre 1928 sowohl Musik als auch Stück ganz außergewöhnlich gewöhnlich fanden, Sie wußten vielleicht sogar, warum sie die ,,Dreigroschenoper“ so verdammten. Wir aber saßen in den bequemen Theatersesseln, tranken Songs in uns hinein, wie man so betörend frech niemals welche in Deutschland vernommen, und jung, wie wir waren, fühlten wir uns in der Erinnerung an Inflation und hungrige Studentenjahre bei mehr als einem Wort solidarisch mit den zweifelhaften Gestalten der Bühne. „Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral!“ Und heute? Na, heute etwa nicht?

Die „Dreigroschenoper“, dieses also auch heute noch bühnenwirksame Werk des genialen Dichters Bert Brecht und des begabten Komponisten Kurt Weill, hat, wie man weiß, in der „Bettleroper“ des John Gay genau 200 Jahre zuvor – nämlich 1728 – eine Vorfahrin gehabt. Damals galt es, die Händel-Oper zu parodieren, mehr noch: den barocken Prunk, die Pracht zu treffen, mehr noch: schweres Geschütz aufzufahren gegen die klassische Bildungsfestung, die es so haben wollte, daß die Oper stets um ewig gleichbleibende antike Stoffe kreiste. Und diese Bettleroper war tatsächlich eine solche Konkurrenz, daß Händels Opernbühnen-Unternehmen in Konkurs geriet. Immer haben Parodien ja dann den meisten Erfolg, wenn das parodierte Kunstwerk die höchste Zeit seiner Anziehungskraft gerade überschritten hat. Aber das eben ist es: die Parodie wird um so wirksamer sein, je stärker die Kraft des Kunstwerkes leuchtet, der die kritische Verhöhnung gilt. John Gay siegte über Händel. DochHändel blieb. Er blieb dank seiner unwandelbaren Vollendung. Was John Gay Neues bot, blieb ebenfalls – trotz, Händel oder dank Händel – erhalten: er bot Kritik und Anregung. Was er anregte, trug auf dem Felde des Singspiels viele Früchte. So seltsam es anmuten mag: formell ist Brechts „Dreigroschenoper“ ein Singspiel, nichts weiter, und wenn Kurt Weill im Finale die große Oper noch einmal parodiert, so ist dies mehr historische Reminiszenz als Aktualität und wird auch so verstanden. Aber versteht man nach alledem die „Dreigroschenoper“ besser als ohne dieses historische Bildungsgut?

Keine Spur. Brecht führte die bürgerliche Kunst ad absurdum. Die Kühnheit der Stoffwahl und der Formulierungen – sie war das Entscheidende. Da saßen wir damals im Parkett, wir Bürger oder die wir aus bürgerlichen Lebenskreisen gerade ausgebrochen waren, und erfreuten uns an den Hieben, die droben dialogweise der verlogenen bürgerlichen Welt ausgeteilt wurden. Magie des Nihilismus empfing uns, und wir wußten’s nicht und holten noch in der Dunkelheit der Hitler-Jahre gern die Schallplatten aus dem untersten Fach des Bücherschrankes, genossen die Melodien als verbotene Früchte eines verblichenen Paradieses und wußten: wer noch die „Dreigrosehenoper“-Songs zu singen verstand, der war ein Mensch, mit dem man reden konnte. Und plötzlich sind tausend Jahre vergangen, und man sitzt wieder im Theater, und wieder hat der Haifisch Zähne, und er hat sie im Gesicht... Und es ist wieder wie einst und ist doch anders, ganz anders.

Sollen wir einmal Mackie Messers Hochzeit mit der Hochzeit des Figaro vergleichen? Damals saßen die Adeligen im Parkett und hatten ihre Freude, wie Beaumarchais den Grafen um sein schönstes, herrisches Recht, um das Jus primae noctis, geprellt sein ließ. Schon dämmerte die Revolution herauf, und zu spät ahnten die Herren, daß sie als Theatergäste ihrem eigenen. Untergang Beifall geklatscht hatten; jetzt begriffen sie, daß Dichter die Eigenschaft haben, kommende Dinge in ihren Nerven zu spüren und bildhaft zu gestalten, sei es auch gegen ihren Willen. Und wir? Mit uns, in uns, um uns hat sich der Untergang des Bürgertums vollzogen. Der Nihilismus Brechts ist vorausschauend gewesen: nun leben wir in der Welt des Nichts. Und weiß der Teufel, wie das geschah (denn nur der Teufel kann es wissen): dieselben Nazis, die über die „Dreigroschenoper“ sich zutiefst entrüsteten, haben mit dem erbarmungslosen Materialismus ihrer Lehre die Bühne der Wirklichkeit erfüllt. Dort herrschten nun Mord und Erpressung, offenes Gangstertum und heimliches Hand-in-Hand-Spiel der Bestechung. Nach diesen Erfahrungen die „Dreigroschenoper“ zu sehen, bedeutet, daß wir mancherlei verstehen lernen.

Und da sitzen wir nun, und alles ist anders. Im „Parkett“ des Zuschauerraumes (im Saale einer ehemaligen Sparkasse in Altona) ist es so wenig komfortabel wie auf der Bühne, die Eduard Suhr mit treffender Schonungslosigkeit der Milieuschilderung ausstattete. Weg sind unsere Sessel, wir tragen unseren einzigen Anzug auf dem Leibe, wir haben Erfahrungen gemacht. Welch böse Wahrheiten müßte Peachum, der Bettlerkönig, sagen, uns zu erschrecken? Welch frivole Lieder müßte Polly singen, uns eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen? Und was die Musik betrifft – die Jazzmusiker wissen heute anders und noch kräftiger zu instrumentieren. Es war eine große Wiedersehens- und Wiederhörensfreude. Die aber die „Dreigroschenoper“ zum ersten Male sahen, saßen ein wenig fremd, aber wohlwollend dabei und dachten über Brecht und Weill etwa in derselben Art, wie manche über den Gellert und den Haydn denken, die „zu ihrer Zeit ihr Fach schon recht verstanden ...“ Mag sein, daß sie das Genialische des Werkes nicht sahen, obwohl die Aufführung unter der Regie von Robert Meyn und der Musikdirektion von Günter Hertel, mit Gisela v. Collande, Willy Grill, Gustel Busch, Fritz Wagner, Ilse Bally mit Recht viel Beifall erhielt, wenn sie auch darunter litt, daß Mackie Messer (Arno Aßmann) nie Über-Kerl genug sein kann. – Man wird die „Dreigroschenoper“ nach Jahren wieder einmal sehen müssen. Erst dann wird man ahnen können, welchen Platz sie endgültig erhält. Diesmal schien sie uns zu gleicher Zeit allzu nah und – allzu fern.

Josef Marein