Von Erich Klabunde

Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft nimmt im folgenden Stellung zu einer Frage, die in vielen Kreisen mit Sorge und mit lebhaftem Gefühl für ihre Bedeutung in unserer künftigen Lebensgestaltung erörtert wird.

Die freie Wirtschaft hat aus sich heraus, eine wirtschaftliche Bürokratie geschaffen, ehe ihr der Staat seine Wirtschaftsbürokratie voransetzte. Diese Tatsache lähmt den Kampf der freien. Wirtschaft gegen die staatliche Wirtschaftsbürokratie, zumal beide nicht nur in ihrer Arbeit aufeinander angewiesen sind, sondern auch – unwillentlich – einander die Existenz sichern.

Gegenüber dem klassischen Unternehmer des 19. Jahrhunderts wäre die bürokratische Wirtschaftsführung machtlos gewesen. Zu jener Zeit, als man nicht einmal dem Steuerzahler zumutete, seine Bücher offenzulegen oder die Gewinnzahlen seiner Handelsbilanz zu offenbaren, als es undenkbar schien, dieser Handelsbilanz eine Steuerbilanz entgegenzustellen und aus deren Zahlen das eigentliche Betriebsergebnis zu entnehmen, war in keinem Privatunternehmen die Möglichkeit für einen wirtschaftspolitischen Eingriff des Staates vorhanden. Damals erschienen sozialistische Forderungen auf eine Lenkung der Wirtschaft verständlicherweise utopisch. Inzwischen hat sich aber die Freiheit des Unternehmers, schon aus der Entwicklung der Unternehmen heraus, verflüchtigt. Es begann mit der Kontrolle der Aktiengesellschaften gemäß den Forderungen der an ihnen beteiligten Kapitalisten; aus deren Interesse entstand der Gedanke nach der Publizität der Bilanz und der Wahrheit und Vollständigkeit der Bilanzierung. Banken und jeder einzelne Kreditgeber drängten in die gleiche Richtung, und mit der Ausbildung des Systems umfassender und genormter Rechnungslegung waren auch die Voraussetzungen für das Eingreifen der Wirtschaftspolitik geschaffen. Nicht nur formell, den Unterlagen und der Organisation nach, sondern auch geistig will man die früher nicht vorhandene und nicht gewollte, ja für undenkbar angesehene Klarheit über den Betrieb jetzt selbst gewinnen; so bedeutet es nur noch einen kleinen Schritt, dieses Wissen auch nach außen mitzuteilen.

In dem Maße, wie der einzelne Betrieb in dieser Entwicklung zur eigenen Planung seines künftigen Wirtschaftsablaufs gelangte, mußte auch die Idee entstehen, die Methode der Planung nicht auf den einzelnen Betrieb zu beschränken, sondern sie auf ganze Wirtschaftszweige und schließlich auf die gesamte Volkswirtschaft auszudehnen. So hat, unberührt von den Entwicklungsgesetzen der Wirtschaft und unabhängig von wirtschaftspolitischer Zielsetzung, der Weg von der Freiheit der Wirtschaft des 19. Jahrhunderts zur Planung, und Lenkung beschritten werden können.

Daß zwei Kriege in der ganzen Welt diese Tendenz verstärkt und vorangetrieben haben, ist bekannt. Weniger wird beachtet, daß die Bürokratisierung nicht nur den einzelnen Betrieb und das wirtschaftliche Leben überhaupt erfaßt hat, sondern daß sie ebensosehr die Arbeitnehmer berührt, die, von der Berufswahl angefangen, dank Berufsberatung, Genehmigungszwang für Arbeitsplatzwechsel und Dienstverpflichtung, nicht mehr in der Lage sind, die Entfaltung und den Einsatz ihrer Fähigkeiten und ihrer Arbeitskraft selbst zu bestimmen. Damit ist das Problem der wirtschaftlichen Freiheit im Laufe weniger Jahrzehnte ein Strukturproblem unserer Wirtschaft überhaupt geworden, das den Arbeitnehmer wie den Arbeitgeber als Unternehmer in gleicher Weise betrifft.

Die Zwangsläufigkeit erscheint so’stark, daß die Forderung nach dem Abbau der Wirtschaftsbürokratie beinahe gegen den Sinn der wirtschaftlichen Entwicklung gerichtet zu sein scheint. Dennoch fällt es auf und ist für die Zukunft möglicherweise entscheidend, daß die Angriffe gegen sie aus ganz verschiedenen Richtungen kommen und nicht nur mit gewichtigen Gründen geführt, sondern auch durch konstruktive Überlegungen als realisierbar dargestellt werden. Diese Angriffe stammen allerdings weniger aus der wirtschaftlichen Praxis als vielmehr aus der Theorie und der Politik. Die Feststellung, daß die wirtschaftliche Praxis in ihren Angriffen zurückbleibt, verblüfft zunächst; denn zweifellos ist gerade der einzelne Unternehmer derjenige, der immer, besonders heute, die Klagen über die Hemmungen durch die öffentliche Bürokratie vorbringt. Aber er will die Freiheit von der Bevormundung dort, wo er sie braucht er sucht jedoch die Bevormundung seiner Konkurrenten dort, wo diese in ihrer Freiheit seine Existenz und deren Ergiebigkeit beeinträchtigen. Sofern er fühlt, daß ein Leben ohne die Förderung der Bürokratie wirtschaftlich wahrscheinlich härter ist als das von der Bürokratie protegierte, ist er bereits in der Echtheit seiner Forderungen korrumpiert.