In Hamburg hat dieser Tage die vorbereitende Gründungsversammlung einer „Volkswirtschaftlichen Gesellschaft“ stattgefunden, die nicht nur eine örtliche Wirksamkeit erstrebt, sondern sich offenbar über das gesamte Reichsgebiet oder doch, zum mindesten über den Bereich der drei westlichen Zonen ausdehnen will. Soweit die Gesellschaft ihre Aufgabe darin sieht, Unterlagen für die Erörterung konkreter wirtschaftspolitischer Fragen herbeizuschaffen und Vorschläge für deren Lösung zu erarbeiten, wird man ihrem Programm allseits zustimmen können, die Bereitschaft zur Mitarbeit wird hier allgemein sein.

Aber die Intentionen der Gründer sind weiter gespannt. Sie wollen, im Wege der wissenschaftlichen Forschung, das Problem des „Wohlstands“, der „Freiheit“, der „sozialen Gerechtigkeit“ klären; es soll die Frage behandelt werden, was eigentlich „Sozialismus“ sei, und welche Ideologie an die Stelle des Marxismus treten könnte ...

Das ist, um mit dem großen, aus der Zeit seines Wirkens an der Hamburger Universität hier noch unvergessenen Sozialökonomen v. Gottl-Ottlilienfeld zu reden, der „Ausgang vom Wort, anstatt von dem im Sachzusammenhang entwickelten Problem“. Es ist unvermeidlich, daß man bei einem solchen Verfahren, anstatt zur sachlichen Klärung und zur Einmütigkeit, nur zu einem Streit um Begriffe kommen wird – um Begriffe, hinter denen bestimmte weltanschauliche Grundtypen, letztlich also metaphysische Grundentscheidungen stehen. Es liegt aber im Wesen der metaphysischen Probleme, daß sie mit den Mitteln der wissenschaftlichen Forschung niemals zu „lösen“ sind, daß sie vielmehr in jeder zeitlichen Periode und für jede Generation immer neu gestellt werden und von diesen unter neuen Aspekten zu behandeln sind.

Ist dies erkannt, so wird auch klar, daß die von den Gründern der Gesellschaft für weiterhin, nämlich nach Erarbeitung von „Ergebnissen“, geplante „Aufklärung auf breitester Grundlage“, eine Utopie ist. Diese „Aufklärung“, so wurde gesagt, sei „nicht schwierig“: man müsse die Presse „bearbeiten“ und eine „zweckentsprechende“ Zeitschrift schaffen; weiter wurde genannt „die Schulung von Rednern, die der Verbreitung der Ergebnisse dienen und die Herausgabe von aufklärenden Schriften und Denkschriften, die der Unterrichtung und der Aufklärung der Verantwortlichen dienen“.

Das schmeckt penetrant nach der Wiederbelebung einer manchesterlich-liberalen Agitation mit den Methoden des „Hansabundes“. So wird es nicht gehen. Die Gründer werden sich zu entscheiden haben, ob sie ihre Aufgabe darin sehen, eine ideologisch gefärbte „Aufklärung“, in Abwehr irgendwelcher anderer Ideologien, zu betreiben, oder ob sie, im Zusammenwirken von Praktikern und Männern mit profunder wissenschaftlicher Schulung, bestimmte konkrete Lebensfragen anpacken wollen, so wie es einstmals die Friedrich-List-Gesellschaft auf ihren Arbeitstagungen versucht hat, nachdem der „Verein für Sozialpolitik“ professoral und steril geworden war. Es kann sich heute nicht darum handeln, an verstaubten Theologien anzuknüpfen, Adam Smith gegen Karl Marx zu zitieren, oder abstrakt die Voraussetzungen des Wohlstandes und des Glücks zu erörtern: primum vivere! Vordringlich ist es heute, den Notbau unserer deutschen Wirtschaft unter ein winterfestes Dach zu bringen, die Möglichkeiten der Erzeugungssteigerung auf dem Acker und im Schacht zu untersuchen, den Außenhandel in Gang zu setzen, die Währungsreform zu forcieren, mit der Agrar- und Bodenreform zu beginnen, bürokratische Verwaltung und wirtschaftliche Selbstverwaltung in ein Gleichgewicht zueinander zu bringen, für die berufliche Eingliederung der Flüchtlinge zu sorgen und gegen die steuerliche Überbelastung anzugehen. Goethe würde gesagt haben: Warum zum Abstrakten greifen, da das Konkrete so nahe liegt?

Die vorläufige Anschrift der „Volkswirtschaftlichen Gesellschaft“ ist: Hamburg-Altona 1, Völkerstraße 16.