Mit lückenloser Gründlichkeit hat das Nürnberger Gericht das Tun und Planen jener Männer ans Licht gezogen, die sich einmal anmaßten, „Geschichte zu machen“. Jetzt standen sie vor ihrem Tribunal und wurden mit Maßstäben gemessen, die den wahren Grundsätzen und Kräften“ entsprechen, die die Entwicklung der Menschheit gewährleisten. Erst auf diesem Wege hat auch das deutsche Volk in vollem Umfange erfahren, wie gewissenlos die Verbrecher waren, von denen es geführt wurde und in welchen Abgrund von Sünde es gedrängt worden ist. Mögen auch nicht alle Deutschen imstande gewesen sein, bei der langen Dauer des Prozesses und bei der lähmenden Macht des Nachkriegselends allen Phasen mit der erforderlichen Aufmerksamkeit, mit der ständigen Wachheit der Selbsterforschung zu folgen, so gab es doch immer wieder Augenblicke, in denen die Seele des deutschen Volkes von Schauern überflutet und in denen sein Gewissen aufgerüttelt wurde. Ganz besonders war dies der Fall in den Tagen der Urteilsfällung, die auch Gerichtstag waren für den letzten und elendesten Abschnitt der deutschen Geschichte.

Zweiundzwanzig Männer standen auf der Anklageliste, Männer aus allen Schichten des Volkes. Drei wurden freigesprochen, sieben erhielten langjährige Freiheitsstrafen, zwölf zahlen ihre Verbrechen gegen Recht und Menschlichkeit mit einem schmachvollen Tode. Sie, die niemals Skrupel oder Nachsicht kannten, als sie mächtig waren, gehen jetzt den Weg, den sie mit leichter Hand so vielen anderen gewiesen haben. Drei Namen fehlen auf der Liste, die obenan hätten stehen müssen: Hitler, Goebbels, Himmler. Die Abwesenheit dieses Dreigestirns ist kein Zufall; ihre Flucht in den Selbstmord beweist nicht zuletzt, daß auf ihnen noch mehr Schuld und Verbrechen lasten, als selbst in Nürnberg zur Sprache gebracht werden konnten.

Als die Despoten noch herrschten, als Verbrechen und Elend, unter gleißnerischen Worten mehr oder minder verhüllt, sich von unserem Vaterlande aus wie von einem Seuchenherd über die ganze Welt verbreiteten, mag mancher hinter unbewegten, erstarrten Zügen Gedanken gewälzt haben, was mit den Urhebern dieses Weltunterganges dereinst geschehen müsse, wenn der Tag der Abrechnung gekommen wäre. Nicht die Rache ist zur Macht gekommen, sondern das gute und harte Prinzip der Gerechtigkeit. Auch das Urteil von Nürnberg wird zu den Grundsteinen der neuen deutschen Demokratie gehören. Wir und die ganze Welt haben erfahren, in alle Seelen hat sich geprägt, was niemals wieder sein darf. In bedeutsamer Gleichzeitigkeit kam in Frankreich bei den Debatten über eine neue Verfassung zur Sprache, ob nicht jedem einzelnen im Volke in Zukunft die Pflicht zum „Widerstand“ auferlegt werden müsse, für den Fall, daß verantwortungslose Männer und Knechte den Bestand der Demokratie, die Herrschaft der Menschlichkeit gefährden sollten. Es ist nicht dazu gekommen, diese Gesinnung in einem Paragraphen festzulegen. Das Erlebnis des Nürnberger Prozesses wird jedoch mehr als eine Generation, so hoffen wir, mit der Pflicht der Verantwortung beseelen und jeden Staatsbürger veranlassen, dort, wo Regierende sich anschicken, ihre Macht zu mißbrauchen und statt Recht und Ordnung die Tyrannei zu erstreben, dagegen aufzustehen.