Von Erwin Topf

Es hat tausend Namen. Bald heißt es Bezugschein, bald Lebensmittelkarte, oder Permit, Recommandation, Empfehlung, Warenscheck, M-G-Nummer, Zuweisung, Bauerlaubnis. Der einheitliche wirtschaftliche Tatbestand aber ist, bei aller Vielfalt der Erscheinungsformen: das Geld allein tut es nicht mehr – ich muß, um über eine bestimmte Ware oder wirtschaftliche Leistung verfügen zu können, noch zusätzlich zum Geldschein ein zweites Papier in der Hand haben. Fehlt dies zweite Papier aber, so muß ich dem Geldangebot noch etwas hinzufügen: ein Tauschangebot nämlich. Unter Umständen verzichtet der Geschäftspartner auch völlig auf das Geld, so daß ein reiner Naturaltausch zustande kommt. Fehlt mir eine Tauschwäre, so bleibt mir noch der Weg, mir das Gewünschte „schwarz“, zu beschaffen. Das ist dann, ein eindeutig illegales Geschäft, Dagegen ist nicht jedes Tauschgeschäft verboten, sondern nur der Tausch „bewirtschafteter“ Waren – gleichgültig, ob es nun als reiner Naturaltausch erfolgt oder zusätzlich zur Hingabe von barem Geld.

Das ist der wirtschaftliche Tatbestand, der freilich selten in seinem vollen Umfange, geschweige denn in seinen vollen Konsequenzen gesehen wird. Es ist ja nicht nur so, daß zum Preis einer Ware etwas hinzugelegt werden muß: ganz analog ist es beim Arbeitslohn. Der Arbeiter, sofern nur seine Leistung einen gewissen Seltenheitswert hat, erhalt die Schwer- oder Schwerstarbeiterzulage. Zusätzlich wird Kantinen-Essen gegeben – ohne eine voll entsprechende Markenabgabe. Den nach Hamburg vermittelten Bauarbeitern wurden zusätzliche Verpflegung, Bekleidung, Zigaretten versprochen. Der Bergarbeiter erhält eine Sonderzulage an Lebensmitteln, ein Kohlendeputat und, wenn er die Schichten voll verfährt, Tabak- und Alkoholprämien. Der Landarbeiter fordert, außer den Selbstversorger-Rationen, ein „schwarzes“ Deputat an Korn und Kartoffeln/und er bekommt es auch, so oder so Was für jede Ware gilt, das gilt also auch für die Ware Arbeitskraft: der Lohn, die Bezahlung in bar, ist nicht mehr allein maßgebend; zum Geldschein muß noch eine zusätzliche Leistung hinzugelegt werden.

Weil das so ist, weil die Reichsmark nun auch im Binnenverkehr ihre Funktion als vollwertiges Zahlungsmittel nicht mehr erfüllt, deshalb ist auch die mühselige Arbeit der Preisüberwachungsbehörden zu einem großen Teil illusorisch geworden. Ihr Bemühen muß ja nicht darauf gerichtet sein, diesen und jenen Einzelpreis zu halten, sondern das Preisniveau im ganzen. Oder, anders ausgedrückt: Preis- und Lohnstop sollen die sogenannte Kaufkraft der Reichsmark-Währung verteidigen – den „Geldwert“, wie die Laiennationalökonomie sagt. Die Kaufkraft des Geldes aber ist, weil eben im Normalfalle zum Erwerb einer Ware oder Leistung neben dem Geldschein noch ein zweites Papier oder aber eine zusätzliche Leistung hingegeben werden muß, nicht mehr regulär vorhanden. Sie schwindet auch mehr und mehr, genau in dem Maße, wie die Systematisierung des Bezugscheinwesens fortschreitend ausgebaut und immer lückenloser ausgestaltet wird.

Wer diese Dinge in ihrem vollen Umfange erkennt, wird nicht mehr geneigt sein, ein moralisches Verdikt gegenüber dem Unternehmer auszusprechen, der – sei er nun Fabrikant oder Händler – seine Lagerbestände sorglich hütet, solange er beim Verkauf nicht das zweite Papier erhält, also die-Anwartschaft darauf, sich wieder mit der gleichen Warenmenge versorgen zu können. Mit Bargeld – allein ist ihm ja nicht gedient. Er kann damit ebensowenig die Reproduktion der Waren sichern, wie der Arbeiter mit dem bloßen Barlohn, ohne Lebensmittelkarten und Bezugschein, seine Arbeitskraft zu reproduzieren vermag. Dies wirtschaftliche Faktum, das weder durch moralisierende Betrachtungen aus der Welt zu schaffen noch durch Androhung von staatlichem Zwang zu beheben ist, ergibt sich nicht nur beim Verkauf für den Binnenmarkt. Es gilt genau so für den Export. Gewiß ist das Ingangsetzen der Ausfuhr für uns eine lebenswichtige Aufgabe. Aber der Export wird nicht anlaufen, ohne daß man dem Exporteur – statt der Devisen, die er ja für bestimmte lebenswichtige Lebensmittel- und Rohstoff-Einfuhren braucht – ein zweites Papier in die Hand gibt. Vielleicht ist es die gegebene Lösung, daß eine Exportmark, eine Verrechnungsmark, geschaffen wird. Denn so, daß der Exporteur ein Bündel von Bezugscheinen in die Hand bekommt, zur Wiederbeschaffung von Kohle und Eisen, von Rohmaterial und Werkzeug, von Strom und Licht, von Verpackungsmaterial und von Papier, das im Geschäfts- und Behördenverkehr verschrieben wurde – so Wird es kaum gehen!

Diese Einsicht dürfte allgemein sein. Gewiß kommen wir einstweilen um einen Ausbau, eine Systematisierung des Bezugsscheinwesens nicht herum. Aber klar ist auch, daß wir damit die Reichsmark in ihrer Geltung immer problematischermachen, und daß so die allgemeine Lähmung der Wirtschaft immer mehr fortschreitet. Insofern ist die Lage ähnlich, wie im Endstadium einer Inflation, beim Allgemeinwerden der Sachwertpsychose. Und ganz entsprechend wird auch die Forderung, zu einer Sanierung der Geldverhältnisse zu kommen, immer dringlicher. In der gleichen Richtung drängen gewisse Liquiditätsstauungen innerhalb der Wirtschaft, die vielleicht sehr bald schon ernsthafte Formen annehmen können und dann schnelle, entschiedene Abhilfe verlangen. Es sind dies Erscheinungen, die erkennen lassen, daß ein beträchtlicher Teil des Bargeldüberflusses nur noch innerhalb des Schwarzen Marktes zirkuliert und den Rückweg zur „regulären“ Wirtschaft nicht mehr findet.

Bisher ist auf die Forderung, daß die Geldreform bald („sofort“) eingeleitet werden müsse, stets die stereotype Antwort gekommen: Erst müßten die Voraussetzungen dafür geschaffen sein. Als wichtigste (wirtschaftliche) Voraussetzung wurde immer wieder die ausreichende Versorgung des Landes mit Kohle und Rohstoffen genannt oder sogar noch weitergehend das „Anlaufen, der Produktion“. Man argumentierte, monetäre Maßnahmen allein würden nicht helfen, da sie die Produktion nicht in Gang bringen, das Warenangebot nicht vergrößern, die Überpreise der Schwarzen Märkte nicht zum Verschwinden bringen könnten. Würde man dieser Argumentation folgen, so müßte man die Geldreform so lange vertagen, bis das Bezugscheinwesen überflüssig und sein Korrelat, der Tausch- und Schwarzhandel, zum Verschwinden reif wäre. Das wäre also eine Verfügung ad calendas graecas, ein Verfahren, über dessen Unmöglichkeit kein Wort mehr zu verlieren ist. Es muß also die Prämisse falsch sein, die zu solch unmöglichen Konsequenzen führt, und zwar zwingend führt, wenn man sich den wirtschaftlichen Tatbestand voll vergegenwärtigt, der hier unter dem Begriff des „zweiten Papiers“ dargestellt worden ist.