Marschall Stalin nahm in einem Interview, das er dem Moskauer Vertreter der Londoner „Sunday Times“ gab, grundsätzlich Stellung zu den Hauptproblemen der Weltlage. Der Wortlaut der acht Fragen und Antworten wurde auch über den Moskauer Rundfunk verbreitet und setzte die russische Öffentlichkeit ins Bild. Sie behandeln die akute’ Kriegsgefahr, die Möglichkeit einer russischen Einkreisung, die Rolle Deutschlands zwischen den Mächten, das Verhältnis der kommunistischen Parteien anderer Länder zu Moskau, das Nebeneinander kommunistischer und westlich-demokratischer Ordnungen, Chinas Friedensaussichten und die Atombombe. Der Schwere der Probleme und der Gewichtigkeit des sich äußernden Staatsmannes entsprechend, hat das Interview in der ganzen Welt einen intensiven Meinungsaustausch zur Folge gehabt.

Die „Daily Mail“ kennzeichnet die Situation, die dem Interview zugrunde liegt, wie folgt: „Die früheren Alliierten haben eine Krise in ihren Nachkriegsbeziehungen erreicht. Sie müssen nun entweder ein Übereinkommen erzielen oder auseinanderbrechen. Es gibt keinen andern Weg.“ Die Bewertung von Stalins Worten in der Weltpresse zeigt alle Schattierungen von zufriedener Anerkennung bis zu Skepsis und Vorbehalten. Als Vertreterin des ersten Standpunktes und als Beispiel der französischen Öffentlichkeit, die durchweg mit Genugtuung und Zustimmung reagierte, sei die „France libre“ zitiert, die von einem „Olivenzweig für die westliche Welt“ spricht. Demgegenüber schreibt der „Manchester Guardian“: „Man muß befürchten, daß Stalins Erklärungen uns nicht viel weiterbringen werden. Ob sie die Bedeutung haben, die ihnen von einigen Kommentatoren beigemessen Wird, muß die Zeit erweisen.“ „Daily Mail“ meint: „Stalins Worte können viel oder wenig bedeuten, je nachdem, ob er noch Herr des Sowjetstaates ist oder nicht.“ Als drastischer Vorbehalt wirkt es, wenn die amerikanische Zeitung „Philadelphia Record“ Stalin auffordert, Gromyko, den sowjetischen Vertreter im Weltsicherheitsrat, zu entlassen, um so die Ehrlichkeit seiner Behauptungen zu beweisen. Gromyko mache, so schreibt das Blatt, „die Zusammenarbeit mit, Rußland schwierig, wenn nicht unmöglich“. „New York Herald Tribune“ sieht in den Worten Marschall Stalins zwar den Versuch, eine „reale Grundlage für den Frieden“ zu erarbeiten, betont jedoch die Möglichkeit, daß die Kommunistische Partei zur Durchführung dieser Pläne ihre Taktik ändere.

Eine Veränderung des Verhältnisses unter den Großen Drei, die der Moskauer Rundfunk neuerdings „Die große Troika“ nennt, spricht der konservative „Daily Telegraph“ an, indem er meint, daß Großbritannien vielleicht aufhören wird, für Moskau das Hauptschreckgespenst darzustellen, da das Gewicht der Verdächtigungen von Großbritannien auf die Vereinigten Staaten verlegt werden würde. Auch die Londoner „Times“ geht in ihrem Leitartikel auf die extremen Positionen von Rußland und den Vereinigten Staaten ein. In dem umfassenden und bedeutsamen Aufsatz wird nachdrücklich auf Englands Vermittleraufgabe hingewiesen, da es ideologisch und in seiner Wirtschaftsauffassung zwischen den Extremen stehe und darum eine Führerschaft bei der Verfolgung eines mittleren Kurses anstreben müsse:

Den breitesten Raum unter Stalins Antworten nimmt die auf die Frage nach der Kriegsgefahr ein. Stalin glaubt nicht an die wirkliche Gefahr eines neuen Krieges. Eine Meldung aus Moskau besagt, daß-die russische Bevölkerung diese Feststellung mit großer Erleichterung aufgenommen habe, ein Gefühl, das auch in vielen Pressestimmen zum Ausdruck kommt. Bemerkenswert ist die uneingeschränkte Zuversicht von „San Francisco Chronicle“: „Stalin drückt klar aus, daß er nicht der Ansicht ist, ein neuer Krieg stünde vor der Tür, Und wenn er nicht dieser Meinung ist, dann ist es auch nicht so.“ In einer Rede, die der britische Außenminister Bevin hielt, ging er auch auf diesen Punkt des Stalin-Interviews ein und sagte: „Wir haben kürzlich aus Rußland die Erklärung vernommen, wonach sie dort nicht annehmen, daß ein neuer Krieg gegenwärtig wahrscheinlich sei. Ich glaube, das auch nicht, und ich kenne niemanden, der einen Krieg wünscht.“

Im Zusammenhang mit der Bedeutung der Atombombe sprach Marschall Stalin von der „Einschüchterung von Leuten mit schwachen Nerven“. Auch der amerikanische Generalstabschef Eisenhower, der sich an Bord der „Queen Mary“ auf der Fahrt nach Europa befand, bezeichnete den Nervenkrieg als „eine seltsame Methode, den Frieden aufzubauen“. Und Bevin: „Eine Art von Krieg muß aufhören, wenn wir Frieden haben wollen: das ist der Ländern krieg, der in manchen: unglücklichen Ländern Unruhe hervorgerufen hat.“

Präsident Truman weigerte sich auf der Pressekonferenz, sich über die Erklärungen Stalins zu äußern. Der Präsident sagte: „Sie sprechen für sich selbst.“