Auf der Tribüne in Nürnberg

Von Hans-Achim v. Dewitz

Gründlich, ist die Zerstörung, die der Krieg des "1000jährigen Reiches" der mehr als tausendjährigen Stadt bereitet hat. Die juristische Anklage hätte sich kein wirksameres Symbol des zerstörten Deutschlands wählen können als den Anblick so vollständiger Trümmer einer seiner schönsten alten Städte. Aber hier, wo die Angeklagten einst so oft die organisierten Triumphe ihrer Parteitage entfesselten, hat sich inzwischen nicht nur die Zerstörung vollzogen. Vielleicht wird nur der Fremde. der in diesen Tagen in Nürnberg eintrifft, sich jener tödlichen Gleichgültigkeit bewußt, mit der die Einwohner dem Schicksal der 21 Angeklagten gegenüberstehen. Anders natürlich ist’s bei jenem kleinen Kreis von Menschen, der in der Welt des Prozesses Selbst lebt. Wir sprachen mit einem der Verteidiger von Rang. ,,Wer den Prozeß nur aus Presse und Rundfunk verfolgen konnte", so sagte er, "hat keine wirklichkeitsgetreue Vorstellung. Außerdem vergessen die Leute, daß es hier nicht allein um die 21 Angeklagten, sondern auch um das deutsche Volk geht."

Für die Einstellung der breiten Nürnberger Massen war jedoch sicherlich die Ansicht jener alten Frau gültig, die von den "Maßnahmen" sprach. Mit diesen "Maßnahmen" aber waren die Sicherheitsvorkehrungen im Justizviertel geneint. Sie übertrafen in der Tat selbst das, was uns im Lebensstil der Diktatoren begegnet war. Das Viertel um den Nürnberger Justizpalast war hermetisch abgesperrt. Jeder Passant mußte sich ausweisen. Die Fahrgäste der durch – die Fürther Straße am Justizpalast vorüberfahrenden Straßen-Muslimen wurden am Montagmorgen auf Waffen durchsucht. An der Ecke der Fürther und der Seelstraße stand ein Panzerwagen, wie an den übrigen Wer Ideen, des Viertels, das Geschützrohr unternehmungslustig in die Gegend streckend. Und an beiden Straßenseiten standen die vier Posten der M.P., die in ihrem weißen Lederzeug ebenso elegant wie gebieterisch die Ausweise kontrollierten und sich in diesem Amt mit einigen blau uniformierten deutschen Hilfspolizisten teilten. Auf die in inquisitorischem Tone hervorgestoßene Frage: "Where are you going?", stammelte der verwirrte Einwohner, daß er hier wohne, um nach einer beklemmenden Pause der Unterschriftprüfung schließlich das erlösende "o.k." zu vernehmen. Dennoch hatte er. nur eine bescheidene Probe dessen gekostet, was die Besucher des Justizpalastes selbst erwartete.

Auch den Journalisten berechtigte der Ausweis, den er im Security Office erhielt, nur zu einmaligem Betreten des Justizpalastes, jede Rückkehr dorthin erforderte einen abermaligen Besuch im Security Office. Hatte der Posten am Schilderhaus den Ausweis in Ordnung und die Unterschriften als einander ähnlich befunden, so bedeutete das keineswegs ein ungestörtes Wandeln im Labyrinth der Korridore. An jeder Biegung des Flurs ertönte leise, aber nachdrücklich: "Your pass"! und ein paar weiße Lederhandschuhe gaben auch hier nur zögernd das vielgeprüfte Dokument zurück. Das belästigte Gemüt hielt sich dafür schadlos an der vorzüglichen Organisation, mit der die Arbeit der Berichterstatter erleichtert wurde, die aus aller Herren Ländern die Press rooms des Justizpalastes bevölkerten. Ist es nicht selbst in Friedenszeiten ein unerfüllter Traum gewesen, den Telephonhörer abzuheben, 015 zu wählen, "Please Hamburg 32 10 04" zu sagen und noch in der gleichen Minute, ohne den Hörer aus der Hand legen zu müssen, mit der heimatlichen Redaktion verbunden zu sein?

Montag vormittag

Montag vormittag. – Die Endphase hat begonnen. Das leise geflüsterte "o. k." auch des letzten amerikanischen Postens ist verklungen, und die Flügeltür des Gerichtssaals hat sich geräuschlos hinter uns geschlossen. Während wir die Kopfhörer umlegen, die an jedem Sitz angebracht sind, suchen unsere Augen die Doppelreihe der Angeklagten. Unverkennbar Göring in hellgrauem Anzug und demonstrativer Gelassenheit, die Arme entweder verschränkend oder zeitweise die Stirn in die Hand stützend. Über den breiten Schädel spannen sich die Kopfhörer, die Augen sind durch eine dunkle Brille verdeckt. Aber selbst seine massive Erscheinung bannt den Blick kaum so, wie das einigermaßen erschreckende Bild seines Nachbarn. Denn mit der unberührten Heiterkeit eines Kindes, für das die Umwelt gar nicht existiert, sitzt Rudolf Heß auf seinem Platz, lächelnd, abwesend, einen Briefblock auf den Knien. In regelmäßigen Abständen taucht seine Feder in das Tintenfaß, und dann jagen die Schriftzüge über das Papier, eilig, eilig, Seite um Seite füllend. Er allein hat keine Kopfhörer umgeschnallt, und während der Gerichtshof in klaren englischen Sätzen Geschichte und Schuld des nationalsozialistischen Reiches wiedererstehen läßt, sitzt Rudolf Heß lächelnd und schreibt. Um ihn die düstere Gruppe seiner Mitangeklagten. Bleich und gedunsen Ribbentrop, unruhig und gespannt Rosenberg, fett und elegisch Funk, hager und aufmerksam Schacht. Hinter ihnen von Neurath, weißhaarig und in steinerner Bewegungslosigkeit in dieser Ruhe des Alters doppelt gegensätzlich zu der immer noch irgendwie studentisch wirkenden Erscheinung seines Nachbarn Fritzsche. Die sonst häufig unter den Angeklagten geführten Unterhaltungen fehlen heute ganz. Und auch die boshaften kleinen Zettelchen, auf denen Göring sich über Gericht und Mitangeklagte lustig zu machen pflegte, bleiben an diesem Tage ungeschrieben.