Von Ellen Fechner Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an demich es zuerst bemerkte.

Es war der letzte Sonntag im Juli, und ich öffnete am Morgen feiertagsfroh das Luk zum Deck. Es war ein herrlicher Tag, klar und blau, und von einer eigentümlichen Leuchtkraft. Ich stellte den Liegestuhl auf und deckte den Tisch, um draußen zu frühstücken, und plötzlich erwies es sich als überflüssig, den großen roten Gartenschirm aufzuspannen. Die Sonne brannte nicht mehr, wie sie es gestern noch getan, sie wärmte nur.

Als ich dann beim Frühstück saß, kamen zwei Wespen. Sie summten begehrlich um meine so spärliche Marmelade, und während ich einer von ihnen, die Gefahr lief, sich vor lauter Gier in der an Zuckermangel leidenden Flüssigkeit zu ertränken, das Leben rettete – denn ich wollte an diesem herrlichen Morgen keinesfalls mitschuldig werden am Tode auch nur des kleinsten Lebewesens – merkte ich plötzlich, daß in der stillen, goldenen Klarheit des Julimorgens die erste Vorahnung des Herbstes war.

Der Gedanke streifte mich wie ein kühler Hauch. Der Winter war niemals mein Freund, und heutzutage sehen selbst die kühnsten Sportler ihm nur mit Angst und Schrecken entgegen. Dazu kommt als erschwerender Umstand, daß ich auf einem Boot wohne.

Mein Boot heißt die "Arche Noah", weil ich mir einbilde, der liebe Gott selbst habe mir vor Jahr und Tag eingegeben, es zu kaufen, um mich so, ohne ein allzu augenfälliges Wunder, vor aller Gewalttätigkeit unserer Zeit zu schützen, indem er mir ganz einfach, wie einer Schnecke im eigenen Häuschen, die Flucht in einen stillen, abgeschiedenen und deshalb unzerstörten Winkel dieser Welt ermöglichte. Er liebt meinem Dafürhalten nach keine allzu augenfälligen Wunder. Manchmal denke ich, er hält es für unter seiner Würde, die Ungläubigen mit starken Mitteln zu überzeugen, wo doch für den, der Augen hat zu sehen, die Kette der Wunder gerade in unseren Tagen niemals abreißt.

Mit dieser Zuversicht also, die mir trotz allen Holz-und Kohlenmangels ein warmes Zimmer verließ, überwand ich an jenem goldenen Julimorgen den heftigen Schreck, den mir die ersten Sendboten des Herbstes, jene stille, leuchtende Klarheit und die schlanken, zitternden Wespen eingejagt hatten.

Das Jahr ist seither unaufhaltsam fortgeschritten. Jetzt neigen sich die Zweige der Apfel- und Birnbäume unter der Last der Früchte. Jedes Kind und fast jeder Erwachsene, dem man in unserem geseg- – leten Dorfe begegnet, ist gerade im Begriff, einen Apfel oder eine Birne zu essen. Die Zahl der Wespen ist erheblich größer geworden. Sie begnügen sich jetzt nicht mehr damit, von meiner Marmelade zu kosten, sie setzen sich ganz ungeniert auf mein Frühstücksbrot, so daß ich achtgeben muß, wenn ich hineinbeiße. Der große rote Balkonschirm ist kaum noch vonnöten gewesen, denn die sengende Kraft der Sommersonne, die so unbarmherzig auf den feinen weißen Kies meines Liegedecks niederbrannte, ist lange gebrochen.