Die Wirklichkeit spinnt mitunter Geschichten aus, wie sie selbst Gogol nicht schöner hätte erfinden können ...

Da ist die Geschichte von den 6000 Kirchenglocken aus Bayern, die im Hamburger Freihafen im Exil liegen. Wie sie dort hingekommen sind? Geheimnisse der Kriegswirtschaft! Seit 1942 lief die "Aktion" der Beschlagnahme Das Glockenmetall wurde "dringend benötigt für Rüstungszwecke". So kamen, da offenbar nirgendwoanders als in Hamburg eine Möglichkeit zum Einschmelzen des begehrten Metalls bestand, die beschlagnahmten Glocken, von denen viele schon auf dem Transport zerbrachen, ins Freihafengelände. Und so dringlich war der Bedarf, daß sie dort liegenblieben: bis ins nächste Jahr, und dann noch ein Jahr und noch eins. Es kam die Kapitulation, und die bayrischen Glocken lagen immer noch in Hamburg. (Sie liegen heute noch da.)

Weil aber Glocken mehr sind als nur Metallwerte, sondern auch Kunst- und – last not hast – Gemütswerte verkörpern, liefen immerfort unsichtbare Fäden von der bayrischen Heimat ins Exil. Das Landesamt für Denkmalspflege bemühte sich im die unvergessenen Glocken; wissenschaftlich geschulte Sachverständige machten sich in mühevoller Arbeit an eine Bestandsaufnahme. So entstand eine Kartei, in der alles Wesentliche verzeichnet ist: Größe, Ton, Alter, Inschrift, Dekor der Glocken und das Wichtigste: ihre Heimatzugehörigkeit. Aber auch diese Kartei kann vorläufig nicht dazu verhelfen, daß die Glocken heimkehren. Denn nun sind sie von der Besatzungsmacht beschlagnahmt. Auch wird, wenn die Beschlagnahme einmal aufgehoben werden sollte, die Transportfrage nicht ganz einfach zu lösen sein.

Nun aber kommt der Mann, der helfen kann! Er heißt genauer gesagt, er nennt sich – Dr. Ring. Er ist Major a. D. und erzählt gern, daß er Ritterkreuzträger war. Dr. Ring war auch Oberbürgermeister in Chemnitz, von wo er freilich weichen mußte, als die Verschmelzung der SPD mit der KPD dekretiert wurde. Dr. Ring gründete die "Glocken-Verwertungsgesellschaft", mit dem Sitz in Mittenwald, einer Geschäftsstelle in Hamburg und fünf Unterabteilungen. Eine davon heißt "Fahndungsabteilung" Sie soll nämlich nach den in Bayern beschlagnahmten und seither angeblich verschollenen Glocken "fahnden". An die Kartei, die genauen Aufschluß über die Herkunft der in Hamburg lagernden Glocken gibt, läßt freilich das Landesamt für Denkmalspflege Herrn Dr. Ring nicht heran. So kommt er zunächst nicht zum Ziel. Aber das schadet auch nichts. Denn die Bayern, die sehnsüchtig auf den Rücktransport ihrer Glocken warten, scheuen weder Mühe noch Kosten, weder G’selchtes noch Speck, weder Butter noch Käse, weder Brot noch Mehl für Knödel, damit der hilfsbereite Dr. Ring in einem leistungsfähigen Stande gehalten wird und befähigt bleibt, sein Werk zu vollenden. Daß man heute mit Geld allein nichts ausrichten kann, daß Vitamine, Kalorien und sonstige Fettigkeiten im Hintergrund stehen müssen, wissen wir ja alle.

Dr. Ring ist ein Mann von Ideen. Wenn die Glocken eines Tages heimgesandt werden können, so sagt er, sollen sie nicht schmutzig daherkommen, mit Patina überzogen – dann sollen sie auch auf Hochglanz hergerichtet sein, poliert und durch ein "geeignetes Verfahren" Von der Patina, "befreit". (Paßt diese Idee nicht zu einer Gogolschen Figur?) Auf diese Weise wurde freilich offenbar, daß dieser Mann, versehen mit dem Vertrauen zahlreicher Amtsstellen sowie hoher und höchster geistlicher Würdenträger, nicht sehr viel vom Umgang mit Glocken verstand. Die britische Militärregierung griff zu, löste die Gesellschaft auf, nahm einen frisch "denazifizierten" Mitarbeiter des Dr. Ring fest und verhaftete kurz danach auch ihn selbst. Dabei stellt sich nun heraus, daß er weder Oberbürgermeister von Chemnitz war noch Major, weder Ritterkreuzträger noch Doktor. Er heißt auch gar nicht Ring, sondern – irgendwie anders.

Versöhnlicher Ausklang dieser Kirchenglockengeschichte: Die Denkmalsabteilung der britischen Militärregierung kündigt an, daß die Rückgabe der Glocken auf einer interzonalen Basis erfolgen wird; Abmachungen hierüber werden jetzt getroffen. So wird eines Tages das Exil der Glocken beendet sein, und wenn auch G’selchtes und Speck an den Mann, der Ring hieß, verschwendet waren: die Glocken sollen doch den Heimweg antreten dürfen.

J. P. H.