Seine Jugend glich dem Leben der Pflanzen und Tiere, mit denen er aufwuchs und vertraut war wie kaum ein anderer. Sie war erfüllt von dem freudigen Sich-wachsen-Fühlen und Sorglossein wie ein Baum, der seine Krone weitet, über der Sonne, Wolken und Sturm ihr wechselvolles Spiel treiben. Die Weite seiner östlichen Heimat, die blauen Seen und geheimnisvollen Wälder, der Zug der Vögel im Herbst und Frühjahr mit aller Sehnsucht, die im Herzen wächst, das war die Welt, in der er heranwuchs, eingeschlossen in die Liebe zu den Menschen seiner Umgebung und zu der Freiheit eines ungebundenen Lebens.

Schon in jungen Jahren wurde in seine Hand die Verantwortung für das väterliche Erbe gelegt, das seit den Tagen, da die ersten Ritter des Ordens St. Mariae die Weichsel überschritten hatten, mit seiner Familie verbunden war. Mit der frühen Sicherheit eines naturhaften Instinktes wußte er, daß das Leben nicht, wie so viele meinten, erst hinter der blauen Linie des Horizontes begann – der die heimatlichen Felder und Hügel begrenzte –, sondern daß es gerade in ihrer Mitte und fern von Macht, Politik und Geschäft zu finden war. Mit der ganzen Intensität eines jungen Menschen, dem nur eine kurze Spanne des Wirkens gesetzt ist, hat er dieses Erbe nicht nur gehütet, sondern neu gestattet mit aller Wärme des – Herzens und jener phantasievollen Sachlichkeit, die dem schöpferischen Menschen eigen ist.

Da war kein Hof, der nicht umgebaut, kein Acker, der nicht verbessert wurde – neue Frucht wuchs dort, wo moorige Wiesen und braches Land zuvor gewesen waren, und in all diesem Wirken stand er in unermüdlicher Freude des Schaffens tagaus und tagein als Herr und Kamerad seiner Arbeiter und Beamten.

So lange, bis in die Harmonie dieser Welt – deren einziger Wechsel sich zwischen Saat und Ernte, Sonnenaufgang und -Untergang, zwischen Geburt und Tod von Mensch und Tier vollzog – die ersten Keime der Deutschland verzehrenden Krankheit einbrachen. Wie fremd war für ihn diese Sphäre von Massenorganisation, Größenwahnsinn, krankhafter Unnatur und angemaßter Autorität, doppelt fremd für ihn, der die echten Gesetze und Ordnungen des Lebens kannte und sie voller Ehrfurcht immer wieder spürte daheim im Bereich des heimatlichen Besitzes, auf dem seit Jahrhunderten die Eichen am Rand des Sees standen, und der Seeadler seine Kreise zog.

Und dann kam der Krieg: der Aufstand einer entfesselten Technik gegen alle Menschlichkeit. Immer stärker wurde in ihm jetzt das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Heimat im weiteren Sinne, wuchs und wurde untragbar, als ihm ein Erlebnis während des Vormarsches im Osten bei Borisow – er war zu jener Zeit Ordonnanzoffizier bei Feldmarschall. Bode – die ganze Dämonie und Unmenschlichkeit des Hitlerschen Systems entschleierte. Damals vollzog sich bei ihm der Entschluß, der Bewegung, der er seit längerer Zeit nahestand, und die sich die Beseitigung Hitlers und die Vernichtung des nationalsozialistischen Systems zum Ziel gesetzt hatte, ganz zur Verfügung zu stellen.

In dem Brief, der seine Stimme zum letztenmal aus den Bunkern des Volksgerichtshofes zu uns trug, heißt es: "Du wirst immer davon überzeugt sein, daß ich nicht leichtfertig Eure Zukunft zerstört habe, sondern einer Idee diente, von der ich glaube, daß sie eine Rücksicht auf Familie und Privates nicht rechtfertigt... Der christliche Glaube und der Glaube an ein himmlisches Reich sind das einzigste, was uns in der Not hilft. Der Weg dorthin führt aber wohl nur über Leid, und es muß erst einmal alles Alte gewaltsam von einem gerissen werden, erst dann kann man eine neue Kreatur werden. Jedenfalls werde ich in diesem Glauben sterben ohne Furcht und Angst. Mein Einsegnungsvers: ,Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark’, soll mich bis zuletzt leiten." M. G. D.