Von Karl Küster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hamburg

Bei Tag und bei Nacht wälzt der Mann der Wirtschaft die Frage: "Welche Befürwortungen brauche ich noch?" Die Sachbearbeiter der Wirtschaftsorganisationen aber sitzen vor Waschkörben mit Tausenden von Anträgen und grübeln: "Wem kann man eine Befürwortung geben und wie kann man sie motivieren?"

Diese Qualen sind verständlich. Denn dem Riesenbedarf an Rohstoffen. Werkzeugen, Raum, Verkehrsmitteln usw. steht nur ein Minimum "gelenkter" Wirtschaftsgüter gegenüber, so daß der Zuteilung eine scharfe Auslese der Bedarfsträger voranzugehen hat: die Befürwortung des Antrages durch berufene Stellen. Aber eben das ist in Notzeiten das ungeeignetste Mittel, weil sich alle menschlichen Schwächen – aus Not greift man sogar zur falschen eidesstattlichen Versicherung – beim Einholen und Erteilen von Befürwortungen austoben. Wer in der Bewirtschaftungspraxis steht, weiß, daß das Befürwortungssystem die kranke Wirtschaft heute nur noch kränker macht und vor allem demoralisierend wirkt.

In der gesunden, inkorrupten Friedenswirtschaft wog die "Befürwortung" der amtlichen Berufsvertretung der Wirtschaft nicht nur wegen ihres Seltenheitswertes; heute sagt man, wenn der Befürwortende in Gegenwart des Besuchers den Hörer abnehmen und wegen: großen Arbeitsanfalles die Sache persönlich und kurz fernmündlich erledigen will: "Um Gottes willen, wo denken Sie hin, das muß ich.schriftlich haben!"

"Schreiben Sie bitte nicht befürwortet, sondern recommended; das wirkt besser." Beim Namen der Befürwortung fängt die Sucht der täglich Hunderte und Tausende von Besuchern bereits an, "wirkungsvolle" Unterlagen zu erhalten. Die Befürwortenden selbst werden, um Antragsteller "durchzubringen", mit erfinderisch: "Gutachtliche Stellungnahme" oder "Begutachtung" klingt objektiv; "Dringlichkeitsbestätigung" reizt zum Durchlesen an, und ganz Schlaue setzen gar ohne Überschrift einen äußerlich nicht nach Befürwortung aussehenden Text als Blickfang hin. "Sogar mit Stempel und Gebührenmarke!" ruft der Interpellant froh, die erstrebte Befürwortung erhalten zu haben, dem weniger glücklichen Bewerber beim Verlassen des Amtes zu. Stempel sind wichtig, sehr wichtig! "Der Engländer will Stempel sehen", glaubt man.

Der Kampf um Befürwortungen vollzieht sich nach eigenen Gesetzen. In der Schlange vor dem Amtszimmer sagt man: "Bei mir geht’s schnell, ich brauche nur eben einen Stempel"; im Dienstzimmer leitet man das Gespräch ein mit "Zigarre oder Zigarette?", um erst einmal zum Sitzen zu kommen. "Frisch behauptet, ist halb bewiesen", geht’s dann weiter, denn dann ist das Rennen gewonnen, vor allem, wenn man noch hat einstreuen können: "Wenn mein Antrag durchkommt, vergesse ich Sie nicht." In der nun folgenden Angebotsskala fehlt nichts, vom Schnürband bis zum Weihnachtskarpfen. Im Herausgehen sagt man doppelsinnig zu den unwillig Wartenden: "Heute ist schwer was zu machen." Diese Bewerber fahren, jedenfalls besser als, diejenigen, die es mit "Auftreten" und Druck aller Art versuchen, schließlich pöbeln, in der Hoffnung, daß der Interpellierte die Befürwortung gibt, um den lästigen Besucher loszusein.

Ich kenne Angestellte und Beamte, die wahre Totengräber des Wertes der Befürwortungen sind. "Ich habe bei der Masse der Anträge ja gar keine Zeit und Möglichkeit der Nachprüfung und muß daher schon über den Daumen peilen." So wird gesagt, und so kommt es, daß die wertvollen Aufbereitungsmaschinen einer Kürschnerei, um deren Überdachung sich die Hausfrau des in Stalingrad vermißten Meisters bemüht, verrosten, aber ein geschickt aufgemachter Wiederaufbauantrag, der nur das Ziehen einer Einfriedigungsmauer bezweckt, durchkommt. Ein anderer, der genau weiß, daß auf einige tausend Telephon- oder Kraftfahr-Anträge nur wenige Zuteilungen erfolgen, kann nicht "nein" sagen, scheut Auseinandersetzungen mit dem Publikum und gibt ohne weiteres jeden gewünschten Befürwortungsvermerk. Weiß er, daß er die Befürwortungen anderer Dienststellen, die bewußt ihren Stellungnahmen – durch genaueste Nachprüfung und unbedingte Wahrhaftigkeit der tatsächlichen Angaben sowie durch Objektivität der Beurteilung – den Stempel der Qualität aufdrücken, wie beispielsweise die Wiedergutmachungsstelle, im Urteil der Öffentlichkeit mit in den Strudel der Minderbewertung und Skepsis zieht? Ein Dritter will es mit den Mitgliedern seiner Organisation nicht verderben, die, weil sie Beiträge zahlen, glauben, Anspruch auf jede Befürwortung zu haben; er hat sich daher einen Stempel "Befürwortet ... Geschäftsführer" angeschafft und gilt als der "feine Kerl" gegenüber den andern, gewissenhaft Befürwortenden. Wie bequem: Gestempelt mit einem Namenszug ist leichter, als sich zu einer hieb- und stichfesten Spezialbefürwortung zu zwingen – aber welch schlechten Gefallen tut man dem einzelnen Antragsteller!