In einigen Aufsätzen der "Zeit" ist das Problem der wirtschaftlichen Selbstverwaltung angeschnitten worden. Die weitere Diskussion, die sich an unsere Aufsätze geknüpft hat, ließ erkennen, daß es vorerst noch an einer hinreichenden begrifflichen Klarheit fehlt, in der notwendigen Unterscheidung zwischen unmittelbarer ("bürokratischer") Verwaltung und Selbstverwaltung einerseits und zwischen Selbstverwaltungsorganen (die nur "kraft staatlichen Auftrags" tätig werden können) und privatrechtlichen "Interessen-Vertretungen" der Wirtschaft anderseits. Wir haben deshalb einen im Verbandswesen stehenden Praktiker, Dr. Karlheinz Arendt, gebeten, zunächst einmal die grundsätzliche Seite der Angelegenheit zu behandeln, ehe wir uns im weiteren wieder den konkreten Problemen zuwenden, d. h. also den Fragen, wo und wie, beim Aufbau der Wirtschaftsorganisation, Selbstverwaltungskörperschaften und Interessenvertretungen herangezogen werden sollten. Der interessierte Leser wird Verständnis dafür haben, daß bei der grundsätzlichen Behandlung der "Kernfragen" notwendigerweise abstrakt zu verfahren ist.

Der Aufbau der Verwaltungsorganisation in den Westzonen ist jetzt in ein entscheidendes Stadium getreten. Hierbei steht, insbesondere für die Ernährungs- und Landwirtschaftsverwaltung, die Frage nach der geeigneten Organisationsform – Verwaltung durch Behörden oder durch Selbstverwaltungskörperschaften – zur Entscheidung. Was aber ist "Selbstverwaltung"? Darüber herrschen noch unterschiedliche und zum Teil unklare Auffassungen.

Vorweg ist jener Begriff "Selbstverwaltung" aus der Diskussion auszuschalten, der auftauchte, als die englische Militärregierung bisher von ihr wahrgenommene Verwaltungs- und Rechtssetzungsbefugnisse an deutsche Instanzen zurückgab. Hier kann die deutsche Verwaltung zwar wieder "selbst verwalten"; mit dem Verwaltungsinstitut "Selbstverwaltung" im rechtstechnischen Sinne hat dies jedoch nichts zu tun.

Der Staat kann die ihm obliegenden Verwaltungsaufgaben im wesentlichen über zwei Organisationsbereiche erfüllen. Das sind:

1. die "unmittelbare Selbstverwaltung", deren Bau aus einer zumeist durch Berufsbeamte besetzten Behörden-Hierarchie besteht und als wesentlichen Charakterzug ein festes Über- und Unterordnungsverhältnis aufweist;

2. die sogenannte mittelbare Staatsverwaltung, deren wichtigste Gruppe die Selbstverwaltungskörperschaften darstellen. (Neben diesen gehören hierher noch die Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts.)

Bei der unmittelbaren so gut wie auch bei der mittelbaren Staatsverwaltung (Selbstverwaltung) handelt es sich um "Verwaltung", d. h. um Wahrnehmung öffentlicher Exekutivbefugnisse. "Selbstverwaltung" kann im privaten Rechtsleben niemals auftreten; sie ist vielmehr in jedem Falle Bestandteil der staatlichen Verwaltung, und in der Praxis sorgt ein vielfältiges System von Bindungen und Aufsichten für den kontinuierlichen Fortbestand dieser Verankerung im Staatsapparat. – Wesentliches Merkmal der unmittelbaren Staatsverwaltung, das heißt der Behördenverwaltung, ist es, daß ihre Verwaltungsaufgaben durch Berufsbeamte oder hauptamtlich im öffentlichen Dienst stehende Personen erledigt werden; hervortretende Eigenart der Selbstverwaltung dagegen, daß sie entweder von einer dem Kreise der Verwalteten entstammenden Person ehrenamtlich geleitet wird, oder doch der von der Verwaltung betroffene Kreis durch in der Regel gewählte Repräsentanten maßgeblichen und ständigen Einfluß auf das Verwaltungsgeschehen innerhalb der Selbstverwaltungskörperschaft nimmt.