Von Jan Molitor

Es ist unmöglich, nicht zu vergleichen. Die andern waren ärmlich gekleidet, manche in Lumpen gehüllt, und ihre Schuhe waren kümmerliches Flickwerk, Potpourris aus Holz, Leder- und Stoffresten. Diese hingegen kommen in einer Uniform daher, sattbraun wie Herbstlaub und von flottem Schnitt, viele haben neue Schuhe. Die andern hatten tiefe Schatten unter den Augen und Hungerödeme an den Gelenken. Diese sind gut genährt und fürchten, daß in dieser Hinsicht das schlechte Leben erst beginnt. Die andern hatten etwas Dumpf-Geduldiges, sie hatten etwas von der Verhaltenheit verängstigt-armer Leute, die plötzlich ein Licht vor sich sehen, an das ihre Augen, aber noch nicht ihre Herzen glauben. Diese aber treten frei und sicher auf und sprechen von Zukunftsplänen, die heute gefaßt und morgen schon verwirklicht werden sollen. Die andern waren Kriegsgefangene, die aus Rußland kamen. Diese jedoch – Kriegsgefangene gleich jenen – kommen aus England. Erinnert man sich an die Begegnung mit den Heimkehrern aus den russischen Lagern, so könnte man fast meinen, daß diese hier ganz andere Menschen seien. Ja, es ist unmöglich, nicht zu vergleichen!

Dies bestätigt ein Arzt? der im Entlassungsverfahren die Aufgabe hat, ziemlich gründliche Körperuntersuchungen vorzunehmen. Er sagt: "Die Kriegsgefangenen, die aus Jugoslawien kamen, waren wohl am übelsten dran: 90 von Hundert hatten Hungerödeme. Die Männer aus den belgischen Lagern waren nicht viel besser instand. Die aus Rußland kamen, schleppen noch manche Leiden mit sich, die man erst später erkennen wird. Aber die Gefangenen aus England sind meist besser ernährt worden als die Deutschen in Deutschland. Was sie an Krankheiten oder Anfälligkeiten mitbringen, sind keine Folgen von Entbehrungen; sie haben nicht mit Ausfallerscheinungen und Ödemen, sie haben mit Asthma zu tun. Sie wissen: die feuchte Luft in England..."

Und was sagten die Gefangenen selber? Einer stellte längere bittere Betrachtungen über das Thema Kriegsgefangenschaft an und was das für ein Ereignis sei, einzig in der Geschichte, daß fast jeder deutsche Mann, ob kurz oder lang, so oder so, hinter Stacheldraht geraten sei; von denen aber, die in längerer Gefangenschaft schmachten mußten, hätten sie, die in England waren, es unvergleichlich besser als andere gehabt. "In Gefangenschaft schmachten", so sagte er wörtlich; aber wörtlich sagte er auch das: "Wenn es eine Art Lotteriespiel war, daß so viele auf unbestimmte Zeit hinter Gitter gerieten – denn die unbestimmte Zeit, das ist das schwer Ertragbare –, dann haben wir darunter noch das große Los gezogen, wir P. W.’s..."

Die meisten, die da in lebhaften Gesprächen das Treppenhaus, die Flure, die Räume dieses Hauses füllen, in dem ihre Entlassungszeugnisse ausgestellt werden, oder die draußen unter den herbstlich bunten Bäumen spazieren, um sich die Wartezeit so angenehm wie möglich zu machen, die meisten also waren eineinhalb Jahre lang "P. W.’s". Es sind aber auch einige unter ihnen, die diesen abgekürzten Titel schon seit einigen Jahren trugen: "P. W.’s"– War Prisma oder "P. O. W." – Prisoner of war. Diese verstehen es denn auch meisterlich, ihre Gespräche mit englischen Worten zu würzen. "Oh, mein Farmer, der war absolut o. k. Sind ja auch schließlich keine schlechten Werken gewesen, der Franz und ich!" Einer mischte dahinein sogar noch etwas bayrische Mundart: "Als wir in dera Brauerei schafften, unserer acht Mann hoch, da ham’ mer täglich unsere vier bis sechs Hoalbe Starkbier g’habt... not so bad, mein Liaba!" Und was derlei Sprachkenntnisse betrifft, so hat sich auch herausgestellt, daß die alten "P. W.’s" mit Eleganz als Dolmetscher fungieren konnten; als nach Kriegsschluß die neuen "P. W.’s" eintrafen. Soweit oder so oft sie nicht arbeiteten, hatten sie Zeit und Gelegenheit ausgenutzt, Sprachen zu lernen, Bücher zu lesen, Kenntnisse zu sammeln. Der eine diente als Lehrmeister des andern, niemand hielt mit seinem Berufs- und Spezialwissen hinter dem Berg.

Unwillkürlich erinnert man sich dabei dessen, was die Rußland-Heimkehrer erzählten, die, ob Offizier, ob Mann, allesamt nach Tagesnormen arbeiten mußten. Wie, wenn man dieselben Fragen stellte, die man damals aufwarf – nur um des Vergleiches willen? Ob zum Beispiel ein großer Unterschied herrschte zwischen der Behandlung in jener Zeit, da noch gekämpft wurde, und in der Zeit danach?

Einer, der Offizier war, ein junger Westfale, antwortet: "Solange noch Krieg war, blieb unser Lager geradezu verschwenderisch mit Stacheldraht und mit Wachposten ausgestattet. Man machte seinen Spaziergang hinter Gittern, und die Augenblicke waren selten, in denen am andern Ende des Zaunes nicht irgendeine schußfertige M. P. auf unsereinen gerichtet war. In unserem Lager war die Behandlung kühl, aber peinlich korrekt. Nach Kriegsende gab es aber bald Erleichterungen. So durften wir schließlich auch außerhalb des Lagers im Umkreis von drei Kilometern uns frei bewegen. Ich hörte jetzt von Lagern, in denen der Stacheldraht gefallen sei: dort dürfte das Leben bald zivile Formen angenommen haben." – Ein Feldwebel, ein Berliner, mischt sich ein: "Solange noch Krieg war, haben sich in unserem Lager einige Dienstgrade geweigert, egal welche Arbeit zu tun. Sie hatten von da an viel Langeweile, aber von Bestrafung oder irgendeinem Druck konnte keine Rede sein. Nach Kriegsschluß haben sie sich dann aus freien Stücken zur Arbeit gemeldet. Dies wurde anerkannt."