Kein Zweifel: Die ‚Kriegsverbrecher‘ müssen und werden zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Es wäre aber würdig und ehrenhaft, wenn die Deutschen, nachdem sie nun zwölf Jahre lang offenkundig nicht in der Lage waren, sich dieser Leute selbst zu entledigen, es unterlassen wurden, dies jetzt – unter dem Schutz der fremden Panzer und Maschinengewehre, denen sie ihre Befreiung ganz allein zu verdanken haben – nachzuholen. Es wäre weise, wenn sie die wahrhaftig schwere Aufgabe der nun fälligen Justiz gegen diese Leute den Fremden überlassen und sich selbst nicht mit weiterem Blut beflecken würden!" Diese Worte schrieb Prof. Karl Barth, der große deutschschweizer Theologe, zu Anfang des Jahres 1945, noch ehe also der Krieg beendet war und die deutsche Armee bedingungslos kapituliert hatte. Was meinte er, als er diese Mahnung aussprach?

Er dachte an das Leid als reinigende Kraft. Er hoffte, daß das deutsche Volk an ihm gesunden werde,-und fürchtete, diese notwendige Entwicklung, diese Besinnung auf die Schuld, in die sich alle vorhandenen Gruppen verstrickt haben – wobei er die Kommunisten so wenig ausnahm wie die christliche Kirche könnte durch einen Streit aufgehalten, ja verhindert werden, bei dem "Affekte und Ressentiments – und wären sie noch so berechtigt" – die Oberhand gewinnen würden. Das Elend, in das wir gestürzt sind, hat wohl schützende, aber auch trennende und nutzlose Hütten von uns gerissen: Standesvorurteile, Podien auf Besitz, fressenden Neid, Nichtachtung unseres Nächsten, In dieser deutschen Passion stehen wir wehrlos und nackt, aber reicher dadurch, daß unser brüderliches Gefühl freier ausschwingen kann, unsere Herzen leichter dem Mitleid geöffnet sind. Zorn und Rache wären in uns aufgerufen worden, wenn wir Deutsche das notwendige Urteil hätten fällen müssen, der Schuldspruch über unsere Vergangenheit hätte Gegenwart und Zukunft vergiften können.

Geschichtliche Parallelen wären aufgerufen worden. man hätte an jene römischen Kaiser erinnert, die, sobald sie zur Macht kamen, die Freunde des verstorbenen und gestürzten Herrschers auf Proskriptionslisten setzten. Man hätte auf jene zahlreichen Usurpatoren hingewiesen, die die Minister ihrer Vorgänger dem Henker überantworteten; ein Streit wäre entstanden, in dem der Gedanke des Rechts für weite Kreise untergegangen und den Leidenschaften zum Opfer gefallen wäre. Man braucht sich nur vorzustellen, wie die Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert ausgesehen hätte, wie seine Konsolidierung gefährdet worden wäre, wenn der Wiener Kongreß seine Regierung gezwungen hätte, über Napoleon I. zu Gericht zu sitzen, und wenn es nicht eine auswärtige Macht gewesen wäre, die die Verbannung des Kaisers nach St. Helena ausgesprochen und durchgeführt hätte. Dann wird man begreifen, aus welch weiser Erkenntnis menschlicher Unzulänglichkeit und geschichtlicher Zusammenhänge Karl Barth seine Mahnung an uns gerichtet hat.

Der Entscheidung sind wir enthoben worden. Das Statut, das von den vier Siegerstaaten Amerika, England, Frankreich und Rußland am 8. August 1945 als rechtliche Grundlage für den Prozeß geschaffen wurde, ist aufgestellt worden, ohne daß wir befragt worden wären. Wir sind zwar betroffen und einbezogen, aber zugleich auch Zuschauer und können leidenschaftslos der Rechtsfindung, urteilend, das heißt auf Grund wissenschaftlichen oder menschlichen Rechtsdenkens zustimmend oder ablehnend, dem Gericht beiwohnen.

Da ist für uns von besonderer Bedeutung die Frage: Wie wurde der Prozeß geführt? Haben die Angeklagten und ihre Verteidiger die Möglichkeit gehabt, ihre Meinung zu sagen und ausführlich zu – erläutern? Diese Frage liegt uns, die wir das schändliche Verfahren vor dem Volksgerichtshof und anderen Nazigerichten noch immer vor Augen haben, verständlicherweise besonders am Herzen. Von der Antwort muß es abhängen, ob jenes Bedenken zerstört wird, daß hier Richter in eigener Sache, also befangen geurteilt haben, ein Bedenken, dessen Entstehung angesichts des kollektiven Denkens, das heute in weiten Teilen der Welt herrscht, und das, wie wir sehen werden, auch in diesem Prozeß zur Diskussion gestellt worden ist, nur allzu begreiflich – erscheint. Es ist die alte entscheidende Frage, ob der möglichen Unabhängigkeit der Richter psychisch und willensmäßig Grenzen gesetzt sind, ob also in unserem Falle die deutschfeindliche Stimmung der Länder, denen er entstammt, den Zwang eines kollektiven Denkens hervorruft, dem.sich der persönlich urteilende Richter nicht entziehen kann.

Lord Justice Lawrence, der Vorsitzende des Interalliierten Militärgerichts, hat durch seine großartige Unparteilichkeit dieses Bedenken, soweit es sich gegen die Verhandlungsführung richten könnte, widerlegt. Mit unwandelbarer Ruhe und Gerechtigkeit hat er zugelassen, daß die Verteidigung alle Gründe anführte, alle Dokumente vorlegte, die ihrer Meinung nach gegen die besondere Schuld einzelner Angeklagten sprachen. Und unbehindert konnte Prof. Jahreiß sein großes Gutachten vortragen, in dem er das Statut selber, das die Grundlage des Prozesses bildet, angriff und widerlegte.

Sind die Bestimmungen dieses Statuts, die einen Angriffskrieg unter Strafe stellen, neues Recht und somit Recht mit rückwirkender Kraft: das war die erste grundlegende Frage, die Prof. Jahreiß in den Mittelpunkt seiner Ausführungen rückte, eine Frage, die bereits von dem Anklagevertreter Robert H. Jackson: für die USA und Sir Hartley Shawcross für England erörtert worden war. Beide Anklagevertreter verneinten sie unter Berufung auf internationale Verträge, insbesondere den Briand-Kellogg-Pakt von 1928, der eine Ächtung des Krieges enthält und dem auch Deutschland beigetreten ist. Aber selbst, wenn diese Gründe nicht stichhaltig seien, selbst wenn es sich also um rückwirkendes Recht handle, so sei das Statut doch übereinstimmend "mit jener höheren Gerechtigkeit, die in der Praxis zivilisierter Staaten der Rückwirkung der Gesetze eine feste Grenze gesetzt hat". Denn, mit diesen Worten fuhr Sir Hartley Shawcross fort, "mögen die Angeklagten und ihre Verteidiger sich beklagen, daß die Satzung in diesem Punkt ein ex parte Hat der Sieger darstellt. Diese Sieger, die sich ja doch aus der überwältigenden Mehrheit der Nationen der Welt zusammensetzen, verkörpern auch das Gerechtigkeitsgefühl der Welt, das sich verletzt fühlen würde, wenn das Verbrechen des Krieges nach diesem zweiten Weltkampf unbestraft bliebe. Diese Staaten geben sich damit zufrieden, durch das Urteil der Geschichte gerichtet zu werden, wenn sie das bestehende Gesetz auf diese Weise auslegen, erklären und vervollständigen". Und er schloß mit den stolzen Worten: "Securus judicat orbis terrarum." Auch Robert H. Jackson kommt wie der englische Ankläger zu dem Schluß, daß das Statut angewandt werden müsse, selbst wenn es neues Recht enthalte, denn es sei widersinnig, daß die menschliche Gesellschaft die Macht des Rechts durch große Opfer Unschuldiger wiederherstellen und bestätigen müsse, ein Fortschritt im Recht aber niemals zu Lasten der moralisch Schuldigen erreicht werden dürfe. Völkerrecht könne sich nur durch Verträge und Gewohnheit fortentwickeln, nicht durch Akte staatlicher Gesetzgebung. Es wachse, wie das Common Law, in Entscheidungen, die von Zeit zu Zeit getroffen werden müssen, um festgelegte Grundsätze neuen Lagen anzupassen. Und es schreite immer fort an Kosten derer, die es verkannt und ihren Irrtum zu spät bemerkt haben. Deshalb sei auch die Schaffung des Statuts völkerrechtsschöpfend wirksam.