Von Kurt Leese

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand in der Arena der Philosophie eine aufregende Auseinandersetzung statt, ohne daß dieser Vorgang freilich die Beachtung der Zeitgenossen fand. Wie in andern wesentlichen Punkten, so standen auch in ihrer Auffassung der Geschichte Hegel und Schopenhauer einander schroff und unversöhnlich gegenüber.

Bevor Hegel die Frage nach dem Sinn der Geschichte erhebt, schildert er in ergreifenden Zügen, "wie sie uns unmittelbar vor Augen kommt". Positive und negative Züge sind in ihr seltsam und unlösbar miteinander verwoben. All unsere Empfindungen des Guten, Schönen und Großen werden von ihr aufgeregt. Aber auch die der ratlosen, namenlosen Trauer und des Entsetzens über nicht enden wollenden Jammer, den die Vergänglichkeit alles hinschwindenden Zeitlichen und schuldhafte Zerstörung willentlichen Frevels mit sich führen, dergestalt, daß die Geschichte dem am ruhigeren Ufer der Betrachtung Stehenden wie ein Strom erscheint, auf dem eine "verworrene Trümmermasse" dahintreibt.

Dieser Anblick, dieser Eindruck löst die Frage nach dem ihr innewohnenden Sinn aus, zuoberst aber nach dem religiösen Sinn der Geschichte, sofern der Fragende in irgendeiner Weise gottesgläubig ist und also seinen Gottesglauben in Einklang mit seiner Geschichtserfahrung und umgekehrt seine Geschichtserfahrung in Einklang mit seinem Gottesglauben zu bringen. sucht.

Auch bei Hegel war das der Fall. "Indem wir die Geschichte als diese Schlachtbank betrachten, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht werden, so entsteht dem Gedanken notwendig die Frage, wem, welchem Endzweck diese ungeheuersten Opfer gebracht worden sind." "Die Frage drängt sich uns auf, ob hinter dem Lärmen dieser lauten Oberfläche nicht ein inneres, stilles, geheimes Werk sei, worin die Kraft aller Erscheinungen aufbewahrt werde." Sollte es nicht am Ende doch möglich sein, aus der "verworrenen Trümmermasse" des anfänglichen Eindrucks, den der Anblick der Geschichte auf uns macht, einen sinnvollen Zusammenhang zu erschauen und inhaltlich wohl zu bestimmen? Sollte es nicht möglich sein, den "Schein" zu zerstören, "als ob die Welt ein verrücktes, törichtes Geschehen sei"? Es ist geradezu verblüffend, mit welchem Optimismus Hegel in der Beantwortung dieser Frage zu Werke geht, einem Optimismus, dem gerade Schopenhauer entgegentreten sollte.

Wie ein unumstößliches Dogma tritt bei Hegel der Gedanke auf: Man müsse an die Geschichte herantreten mit dem Glauben, daß die Welt des Wollens nicht dem Zufall anheimgegeben ist; daß in den Begebenheiten der Völker ein letzter Zweck das Herrschende, daß Vernunft in der Weltgeschichte ist – nicht die Vernunft eines besonderen endlichen Subjekts, sondern die "göttliche, absolute Vernunft"; daß die "Weltgeschichte ein Produkt der ewigen Vernunft ist und Vernunft ihre großen Revolutionen bestimmt" hat. Wer die Welt vernünftig anschaut, den sieht sie wieder vernünftig an. Der Sinn erkennt den Sinn. Der Philosophie der Geschichte, d. h. der "denkenden Betrachtung" derselben, wird die Geschichte selber schier zum "Erweis", daß ihre "Substanz" der vernünftige, notwendige Gang Gottes selber ist. Es war eine Binsenwahrheit der Aufklärung, daß Gottes Güte und weltbaumeisterliche Weisheit in der Natur zu erkennen, in Tieren und Pflanzen zu bewundern sei. Wäre es nicht endlich an der Zeit, fragt Hegel mit einiger Ungeduld, Gottes Macht und Herrlichkeit statt aus der Natur aus der Geschichte zu erweisen, ja, sein Walten und Wirken aus der Geschichte zu "rechtfertigen", eine "Theodizee", eine Rechtfertigung Gottes aus der Geschichte zu unternehmen? Der Philosoph, insonderheit der der denkenden Betrachtung der Geschichte hingegebene Geschichtsphilosoph Hegel, will dem Theologen den Rang ablaufen; er will das tun, was dieser sich doch nicht recht zu tun getraut, weil ihn eine letzte Scheu vor dem Geheimnis Gottes davon zurückhält, der Vorsehung in die Karten zu gucken. Dies dürfe freilich seitens des Philosophen nicht so geschehen, daß die Größe des Übels und die Macht des Bösen geleugnet oder durch Schönfärberei gemildert werden. "Es ist in der Weltgeschichte, daß die ganze Masse des konkreten Übels uns vor die Augen gelegt wird." Wohl aber müssen das Übel und das Böse gegenüber der absoluten, göttlichen Macht "begreiflich" gemacht, müsse diese mit dem "Negativen" in der Geschichte versöhnt werden. Es müsse gezeigt werden, wie und daß das Negative, gemessen am Positiven, "zu einem Untergeordneten und Überwundenen verschwinde", daß das Böse neben dem, "was in Wahrheit der Endzweck der Welt sei", nicht "ebensosehr und gleich mit ihm sie geltend gemacht" habe. Die denkende Vernunft ist das "eigentliche Organ", durch das Gott für den erkennenden (nicht etwa bloß glaubenden!) Menschen faßbar und begreifbar ist. Sie ist das "Vernehmen des göttlichen Werkes". Und die Vernuift vernimmt aus dem geschichtlichen Geschehen heiaus, daß die Wirksamkeit Gottes die dem geschichtlichen Dasein einwohnende, in demselben um durch dasselbe sich vollbringende Weltvernunft ist. So hat Hegel seine Geschichtsphilosophie auch mit den Worten geschlossen, daß sie als die "wahrhalte Theodizee" zu zeigen unternommen habe, "daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur von Gott kommt und nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk Gottes selbst ist’.

Wie aber ist denn nun inhaltlich jener Endzweck zu bestimmen, auf dessen Realisierung es der die Geschichte durchwaltenden göttlichen Vernunft ankommt? Hegel antwortet darauf: Der Endzweck der Welt sei das "Bewußtsein des Geistes von seiner Freiheit". Die Weltgeschichte selber ist der "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit". Geschichte ist im Unterschied zu allen Naturvorgängen ein geistiges Geschehen. Und die Triebkraft, die Dynamik dieses geistigen Geschehens ist die, daß es, aus allen Bindungen, die nicht in ihm selber begründet sind, sich herauslösend, zu sich selber gelangt, sich dessen bewußt wird, sich selber begreift – und damit sich allererst selbst verwirklicht. Geist, der nicht um seine Freiheit weiß, ihrer nicht bewußt ist, ist auch nicht wirklich frei. "Der Geist ist das Beisichselbstsein", sagt Hegel, "und dies ist eben die Freiheit." Es ist also ein überaus hohes und würdiges Gut, das Hegel sich in der Geschichte verwirklichen sieht, und zu dessen Mehrung, Wachstum und Reife jede der weltgeschichtlichen Epochen ihren Beitrag leistet, eine der andern die Fackel des Geistes weiterreichend. Angefangen mit der orientalischen Welt, in der Hegel China, Indien, Persien, Judäa und Ägypten zusammenfaßt; fortschreitend mit der abendländischen Welt der griechischen und römischen Antike; sich vollendend in der christlich-germanischen Welt bis zur jüngsten Gegenwart – ist es immer und nur der "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", um den es sich in all dem scheinbaren Wirrwarr des Geschehens, in all den Resolutionen und Katastrophen, in all dem Neuweiden und Neubeginnen, in all dem Blühen und Fruhtbringen, in all dem Absterben und Untergehen der Völker, Staaten, Kulturen, der Künste, Wissenschaften, Philosophien und Religionen handelt. Alles "Negative" in der Geschichte, alle Bosheit und aller Frevel, all den unsäglichen Jammer der Menschheit, all die einzelnen und alle Gesamtheiten, die auf der Schlachtbank der Geschichte geopfert wurden, sah Hegel durch das Frei- und Wirkhinwerden des Geistes – "gerechtfertigt" und – "versöhnt". Der jeweilige Untergang ist ja nicht Selbstzweck; er dient nur als Mittel zu jenem Zweck, daß aus den Ruinen des Todes neues Leben des immer freier werdenden Geistes erblühe. Wahrlich nie sind größere, nie sind blutigere, nie sind leidvollere Opfer der Freiheit gebracht worden als in Hegels Geschichtsdeutung. Das Leben ist der Güter höchstes nicht, wohl aber die Freiheit – so könnte man die Schlußworte der Braut von Messina im Sinne Hegels abwandeln.