Gotha, Anfang Oktober Wir leben hart an der Zonengrenze. Und wir wollen leben! Wir wollen sogar, etwas vom Leben haben. Wir tanzen! Der Ball hat die Dörfer auf der ganzen Linie erobert. Aber wir können nicht tanzen. Deshalb kommt einer aufs Dorf, der ist Tanzlehrer, er wird einen Kursus abhalten, Anmeldungen nimmt er im "Löwen" entgegen. 6000, 7000 Mark sammeln sich in seiner Brieftasche. Er hält auch eine Stunde ab. "Tanzen", sagt er, "tanzen ist nicht schwer. Gut gegangen ist halb getanzt."

Am nächsten Tag ist er gegangen. Nachts und auf dunklen Wegen über die Grenze. Und mit ihm die 6000, 7000 Mark der lebenshungrigen Jungfrauen vom Dorf.

"Derartige, das Ansehen des Berufes schädigende Elemente können die Tanzlehrer nicht in ihren Reihen dulden", grollte ein Referat, das während der "Ersten Schulungswoche der Thüringer Gesellschaftstanzlehrer unter dem Protektorat des Landeskulturamtes für Theater und Musik, Weimar" gehalten wurde, einer Veranstaltung in Eisenach, die sich mühte, die Tanzwut an die Zügel des Stiles zu bringen.

Es hat so eine gesellschaftstänzerische Fachhochschule früher schon gegeben. Die Tanzlehrer Deutschlands kamen alljährlich in Kissingen zusammen, um zu sehen und zu hören, was die gesetzgebende Versammlung des internationalen Gesellschaftstanzes, die "Imperial society of dancing" in England, guthieß oder verdammte, Diesmal gibt es noch keine Tanzkongresse, es gibt, noch keine neue "Imperial society" – es gibt nur eine Tanzlust, die stark an die gleiche Erscheinung nach dem ersten Weltkrieg erinnert, vor allem auch in den wilden Formen, in denen sie sich äußert. Es gibt keine eigentlichen "Neuschöpfungen", der Charlestonswing, der unlängst auftauchte, ist der allernächste Verwandte des alten Jimmy, Aber es gibt einen guten Stil, den "Turnierstil", über dessen Reinhaltung zu wachen die Tanzlehrer "für ihre vornehmste Pflicht halten". Als erstes deutsches Land berief Thüringen einen offiziellen, verpflichtenden Kongreß der Tanzlehrer ein. In einem kleinen Saal des Hotels "Fürstenhof", durch dessen Fenster der Blick hinübergeht zur Wartburg, der Stätte des Sängerkrieges, finden die Vorbereitungen zum Tänzerkrieg statt, die eigentliche Schulung, die mit einem Turnier abgeschlossen wird, einem Festball, reich besucht von Fracks und Abendkleidern.

In diesem Saal lernen die Tanzlehrer tanzen. Nicht Rumba und Carioca, nicht Palaisglide und Rhythmicswing. weder Big-apple noch Lambethwalk. "Diese Tänze sind ein vergnügter Jargon", so hieß es, "das sind Unterhaltungstanze, die unseren klassischen Turnierstil verderben würden."

Tango aber ist keine Unterhaltung, Tango ist klassisch. Jeden Tag gibt es neben vielen anderen eine Stunde Tango. Der Lehrer der Lehrer, dunkelhaarig und mit einem kleinen Bärtchen, steht in der Mitte des Saales und kommandiert die Bewegungen des "rückwärtigen Tangoabschlußschrittes". Rhythmisch stampft und schlurrt es durch den Raum. Sie tanzen paarweise, aber wer Erotisches für ein Element tänzerischen Ursprungs hält, hier wird er eines andern belehrt, hier beim Tango, Der Frauenüberschuß macht sich bemerkbar: einige Tanzlehrerinnen tanzen allein; statt eines Partners halten sie ein Notizbuch, in das sie die Schritte eintragen: "Wichtig: Die Ferse des zurückgesetzten Fußes darf erst gesenkt werden, wenn der andere Fuß beim Zurückgesetztwerden diese passiert..."

Es ist im allgemeinen Dasein praktisch, völlig up to date zu sein, sehr fein ist es meistens nicht. Die Tanzlehrer aber sind sehr fein. Es gibt Unterricht über die Umgangsformen. Unterricht für die Unterrichtenden. Es wird gesagt, wie man einen Besuch macht. "Früher war die Zeit genau festgelegt. Man machte in Norddeutschland zum Beispiel seinen Besuch um zwölf Uhr, völlig korrekt um zwölf Uhr zehn. Heute wird es am besten sein, sich vorher zu erkundigen, welche Uhrzeit angenehm ist. Der Herr zieht hierzu, wenn er hat, einen dunklen Anzug an." Wenn er hat...