Gewöhnt an den Gedanken, daß Erinnerungen und Traditionen an Räume gebunden sind, mußten wir es angesichts der Trümmer, die uns allenthalben umgeben, lernen, die abgerissenen Fäden unseres Kulturgewebes gleichsam im unumbauten Raum wiederanzuknüpfen und weiterzuspinnen. Und tatsächlich haben unsere Schauspielensembles es verstanden, in eilig hergerichteten Sälen und Schulaulen so etwas wie eine zeitgemäße Bühnenatmosphäre zu schaffen. Aber es ist dennoch ein seltsam rührendes und aufmunterndes Erlebnis, ein Theater zu betreten, das wie viele andere in Schutt und Trümmern lag, inzwischen aber wieder, wenn auch in bescheidenerer Form, auferstehen durfte. Sonderbare Zeit, in der eine Rückkehr ins Normale ungewohnte Sensation bedeutet!

Es handelt sich um das Thalia-Theater in Hamburg, in dem einst Charlotte Wolter, Marie Seebach, Marr, Bozenhards, Röbbeling, Jeßner und schließlich Erich Ziegel rühmlichst gewirkt haben. Es stimmt jedenfalls zuversichtlich, daß das Thalia-Theater die erste unter den vom Krieg beschädigten Bühnen ist, die im alten, traditionsreichen Gebäude wieder spielen kann. Da man den alten Bühnenraum vorerst noch in Trümmern liegenlassen mußte, schob man die Szene ins Zuschauerhaus hinein, zwei Ränge mußten ausfallen, und statt des pompösen Kronleuchters spenden hinter einem Deckengespinst von – Fallschirmseide einfache Beleuchtungsanlagen indirektes Licht.. Das Haus, nur halb so groß denn zuvor, hat Stimmung. Ihm haftet Sparsamkeit, jedoch nichts Improvisatorisches an. Das Haus war es, das der Premiere von "Was ihr wollt" die mehr als alltägliche Bedeutung gab.

Denn kann man ein solches Stück, das ein einziges verliebtes Lächeln ist und dessen erste Worte die Musik als der Liebe Nahrung preisen, anders inszenieren und spielen als eine Musik der Worte? Manche heiteren Gestalten waren zu grell beleuchtet, so daß die Komik über den Witz siegte. (Das traf sogar für den immer hervorragenden Wolf Beneckendorff zu, dessen Malvolio eine Spur zuviel Komödiantisches und dennoch eine Spur zu wenig Farbe hatte; die Konturen seiner Figur standen zu hart im Raum. Das gilt sogar für Willy Maertens, den künstlerischen Leiter des Theaters, dessen Spiel als Narr zuviel Pikanterie und zu wenig Philosophie enthielt.) Die Aufführung war stilistisch ein wenig außer Balance und war wie ihre von Edmund von der Meden komponierte Bühnenmusik zu wenig Komposition und zuviel Potpourri. Die Bühne aber hatte Fritz Brauer mit einer Art von kinderleichtem Karussell ausgestattet, mit dessen Hilfe sich die Darsteller ihre Szenen selbst zurechtdrehten Und dies mutete so spielerisch leicht und heiter an, daß man gerührt zusah, wie die guten örtlichen Geister im neuen alten Hause dem heimgekehrten Künstler halfen, in die Stimmung des Ensembles hineinzuwachsen, wie es der Tradition dieser Bühne entspricht. Josef. Marein

Wie die Züricher Zeitung "Die Tat" aus Moskau meldet, ist in der russischen Hauptstadt und in der Provinz eine bisher einmalige Säuberung im Gange, die die Ausschaltung von Stücken – namentlich von ausländischen Werken – bezweckt, die "die Öffentlichkeit mit sowjetfeindlicher Bourgeois-Ideologie demoralisieren". Der Bericht tadelt Theaterdirektoren wegen der Inszenierung von englischen und amerikanischen Stücken; so wird Somerset Maughams "The Circle" angegriffen. Die russischen Dramatiker wurden angewiesen, neue Schauspiele zu schreiben, "die der weltanschaulichen Haltung des Sowjetgeistes entsprechen".