Man stelle sich vor, irgendwo in der Welt, sagen wir im südlichen Island, hätten sich im Jahre 1946 zwei Familien miteinander verfeindet um ein Stück Weideland oder eine Beleidigung, eine unbeglichene Forderung oder eine Erbschaft – gleich um was. Die eine Familie möge Njal heißen und auf dem Hof Bergthorsbühl wohnen, die andere sei die des Bauern Flosi. Nun kommt eines Tages, im Jahre 1946, Flosi mit einer Schar von Verwandten und Freunden nach Bergthorsbühl. Sie sind schwer bewaffnet, Gunnar Lambison hat. ein Maschinengewehr, Grani Gunnarson eine MP, Kol Thorsteinson trägt eine Panzerfaust auf der Schulter, und Flosi selbst ist mit einem Flammenwerfer ausgerüstet. In allen Stiefelschäften stecken Handgranaten, die halbwüchsigen Söhne schleppen Munition hinterher. Die Njals wehren sich natürlich, sie haben auch Schnellfeuerwaffen und Pistolen. Die Sache endigt damit, daß Bergthorsbühl in Flammen aufgeht, Njal und seine Frau Bergthora liegen mit dem Enkel Thord verkohlt unter den Balken, Njals Sohn Skarphedin liegt erschlagen unter der Giebelwand, der Kopf seines Bruders Helgi ist von einer Handgranate zerschmettert, seinen Bruder Grim hat eine MP-Garbe getötet. Aber auch die Angreifer haben Verluste, Gunnar Lambison ist tot, ein anderer schwer verwundet.

Schwer vorzustellen das alles. Das gibt es doch nicht, Streitigkeiten zwischen Familien können doch nicht mit den Waffen ausgetragen werden, das ist doch Mord und Totschlag. Wofür sind denn die Gerichte da?

Und nun stelle man sich weiter vor, in Florenz, im Jahre 1946, lägen zwei reiche Familien in heftigem Konkurrenzkampf, die Pazzi und die Medici. Sie sammelten Anhänger um sich, veröffentlichten Werbeinserate im "Corriere della Sera" und böten beträchtliche Summen für den Eintritt in ihre Hausgarden. Jede der gegnerischen Familien hätte bald mehrere Regimenter, Waffen und Munition würden ausgegeben, der erste Schuß fiele. Das Ende: die Pazzi besiegt, Florenz in Trümmern.

Schwer vorzustellen, im Jahre 1946, auch das. Dafür sind doch die Gerichte da!

Und nun sei die Phantasie des Lesers noch einmal bemüht, er möge folgen in das Jahr zweitausendund... nach Christi Geburt. Den Zeitgenossen dieses Jahres möge die-Vorstellung zugemutet werden, ein Krieg sei eben ausgebrochen zwischen zwei europäischen Nationen, die ersten Atombomben seien schon gefallen, ferngesteuerte Flugzeuge setzten Europa in Flammen.

Schwer vorzustellen vielleicht für die Zeitgenossen von zweitausendund... ... Ungläubig lächelnd sähen sie sich gewiß an und sprächen: "Dafür sind doch die Gerichte da!"

Und nun noch einmal ein Zeitsprung; er geht zurück über zehn Jahrhunderte, in die Zeit, als der Familienkrieg zwischen den Njals und den Flosis in Island, als ein. Fall von ungezählten, wirklich stattfand, zwar nicht mit Flammenwerfern und Schnellfeuerwaffen, sondern mit Schwertern und Feuerbränden. Man stelle sich vor, irgend jemand wäre der Angreiferschar Flosis entgegengetreten und hätte sie gefragt: "Seid ihr verrückt geworden? Legt eure Waffen nieder! Dafür sind die Gerichte da!"