Elsi, die seltsame Magd, hatte einen so vergnügungssüchtigen Vater, daß sie, als schließlich seine Mühle unter den Hammer kam, aus Scham über die Schande in die weite Welt hineinging und sich im Berngebiet als Magd verdingte. Sie sagte nicht, wie sie hieß, "wann geboren, Tag und Jahr, welchen Orts sie bis anheute war", nichts. Keiner fragte auch danach, sie war ordentlich und fleißig und damit gut. Das war vor langen, langen Jahren. Der wackere Jeremias Gotthelf, der die Geschichte erzählt, stellt fest: "Im Berngebiet konnte man sein Lebtag inkognito verweilen, wenn man sich nicht auf irgendeine absonderliche Weise der Polizei bemerkbar machte."

Das waren noch Zeiten! Ich höre die tausend sehnsüchtigen Seufzer der Leute, die heute wie überall auch im französisch besetzten Südwesten nicht einmal mehr Lebensmittelkarten ohne den Kontrollstempel des Arbeitsamtes bekommen, das, wenn alle so fleißig wären wie Elsi,. sicherlich gar nicht auf den Erlaß gegen die "freiwilligen Arbeitslosen" verfallen wäre. Ich höre die Seufzer der Leute, die an der Reling des deutschen Wracks stehen wie Iphigenie am Gestade des Meeres, das Land der Schweizer mit der Seele suchend; Und mit dem Magen, versteht sich. Nicht wenige, meist unternehmungslustige junge Burschen, bringen es tatsächlich zuwege, Schweizer Boden unter die durchlöcherten Schuhsohlen zu bekommen. Aber nie für lange. Es ist vielleicht gar nicht einmal so schwer, über die Grenze zu kommen, indessen – die Papiere, die Papiere. Nach wenigen Tagen oder gar Stunden marschieren die Unbefugten nicht so freiwillig in umgekehrter Richtung und auf irgendeine Anklagebank. Es sind verschwindend wenige, die legal über die Grenze dürfen: Man müßte schon werden wie die Kindlein, aber wie die kranken und unterernährten, von denen jetzt wieder 200 aus Freiburg, 80 aus Offenburg und 20 aus Breisach für drei Monate Gäste Schweizer Familien sind. Oder man müßte einer der Markgräfler Studenten sein, die demnächst vielleicht täglich im kleinen Grenzverkehr nach Basel dürfen, um dort zu studieren. In der Schweiz zu arbeiten ist zur Zeit nur einer Handvoll Grenzgänger möglich (127 insgesamt), obwohl die Nachricht verbreitet wurde, daß 10 000 Deutsche zur Arbeit in der Schweiz zugelassen werden sollten. Es wurde daraufhin das Konstanzer Arbeitsamt von Bewerbern überlaufen. Sie alle mußten wieder gehen mit dem Bescheid: Ausreisegesuche werden zur Zeit nicht genehmigt.

Aber die Schweizer – Industrie könnte Arbeiter brauchen, besonders Facharbeiter, um mit dem Übermaß ihrer Aufträge fertigzuwerden. Die Deutschen kämen gern, sie würden, sich auch nicht durch die Schweizer Sorgen abschrecken lassen, deren erste die hohen Preise sind. Die Löhne sind natürlich auch entsprechend hoch, immerhin noch nicht hoch genug, um allen Familien auch nur den Einkauf der kontingentierten Lebensmittel zu erlauben. Denn die meisten Lebensmittel sind nach wie vor rationiert. Die tägliche Brotration von 225 Gramm ist geringer als die in der französischen Zone, aber die Deutschen kämen gern mit 200 Gramm täglich aus, wenn sie die übrigen Schweizer Rationen bekämen. Die Preise sind in der Tat enorm. 15 Franken kostet ein Zentner Kartoffeln, 300 Franken ein Anzug. In Konstanz, unter der Hand, sind für zahlungskräftige Eingeweihte am Schwarzen Devisenmarkt Schweizer Franken zu haben: 30 Mark das Stück. Aber 9000 Mark sind denn doch ein bißchen viel für einen neuen Anzug.

Was ist es denn, das die gequälten Menschen Europas, besonders Deutschlands, voll Sehnsucht auf die Schweiz blicken heißt wie auf die Insel der Seligen? Seien wir gerecht, nicht nur mit dem Magen, auch mit der Seele suchen sie das Land der Schweizer. Endlich einmal möchten auch sie in Frieden und Eintracht leben, und voll Bewunderung sehen sie auf das kleine Land, das das Ideal eines friedfertigen und tüchtigen Staates in der Zusammenfassung von vier Millionen Menschen aus drei Nationen hier auf Erden verwirklicht hat. Kürzlich nahm ein freundlicher Schweizer mich in seinem eleganten Kraftwagen mit aus einem Ort im Allgäuer Land nach Lindau. Er war ein Beauftragter des Schweizer Roten Kreuzes, kam aus Berlin und wollte über Meersburg und Konstanz nach Genf. "Warum können wir es nicht so gut haben wie Sie?" fragte ihn unterwegs eine Dame, die er, wie mich, an irgendeinem "Anhalter Bahnhof" auf der Landstraße hatte einsteigen lassen. "Wir haben dreihundert Jahre Frieden gehalten, das zahlt sich aus", gab er lächelnd zur Antwort.

So wird den Deutschen nichts übrigbleiben, als das "Hic Rhodos, hie Salta": Hier in Deutschland tue dein Bestes! "Retroussez vos manches et travaillez!" plakatieren die Franzosen allenthalben zum Wiederaufbau, krempelt die Ärmel auf und arbeitet! Aber das Ärmelaufkrempeln allein tut es nicht, Werkstücke und Werkzeuge gehören auch dazu, und Geist und Herz müssen den Willen, von der kleinen Schweiz zu lernen, unterstützen. Dann mag es gelingen, daß in Deutschland, oder gar in Europa, eine größere Schweiz gebaut wird. H.