Von Jan Molitor

Im Bergmannsheim einer Zeche zu Oberhausen sitzt ein schmaler, blasser Junge vor einer Kladde und schreibt. Wenn man ihn da so sitzen sieht, sollte man nicht denken, daß er Bergmann ist. Aber an seinen viel zu langen, viel zu seidigen Wimpern haftet tatsächlich eine Ahnung von Kohlenstaub. Er schreibt mit einer Handschrift, wie man wohl nie eine bei einem Bergarbeiter sah: fein, gewandt, schnell Was schreibt er wohl? Es ist Abend. In der "Wohnstube", in der zwölf Eisenbetten stehen – immer zwei aufeinander – und grelle Buntdrucke an den Wänden hängen, spielen drei Männer Skat, einer putzt Stiefel, ein anderer zieht einen schnurgeraden, patschnassen Scheitel. Dieser aber sitzt und schreibt und hat ein verschlossenes, eigensinniges Gesicht.

"Was waren Sie, bevor Sie Bergmann wurden?" "Student der Medizin", erwidert er und hebt das Gesicht nicht von seiner Kladde. "Ich notiere was über das Leben hier, ganz privat..."

Wenn ein solcher Junge sein Inneres aufschließen soll, darf man nicht gleich fragen; man muß erzählen. Denn was sein Inneres bewegt, das teilt er nur seinem Schreibheft mit.

Und so begann ich von alten Werkstudententagen zu erzählen und wie Werner, der baumlange Jurist vierten Semesters, vom Steinschlag erwischt worden war und wie die Kumpels ins Knappschaftslazarett kamen, ihn zu besuchen. Einer brachte eine Sammlung kräftiger Photos mit, um dem Patienten die Stunden des Alleinseins zu versüßen ein anderer spendete das Buch vom tollen Bomberg. Eine Flasche Wacholder machte bis zur Neige ihre Runde um das Krankenbett. Das Zimmer dröhnte vor Gelächter, und Werner stöhnte: "Hört bloß auf, sonst krieg’ ich vor Lachen ’nen zweiten Bruch!" – Der Werner und ich, wir hatten keine große Bedeutung unter Tag: Wir hatten Grubenhunde zu beladen und zu verschieben. Aber jung, wie wir waren, hatten wir junge Freunde. Das waren die Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen, die leistungsfähigen Hauer, sozusagen die Matadoren, die besten Jahrgänge, die vor Kohle arbeiteten. Helle Gesichter, leicht verkniffene Augen, dunkelblonde Schöpfe, eine fixe Umgangsweise, eine derb-fröhliche, unvergleichlich großzügige Art, die Hände sonntags in die Hosentasche zu stecken und in der Wirtschaft bedeutungsvoll-bescheiden hervorzuholen, sei es, um das genossene Bier und den "Klaren" zu bezahlen, sei es wegen der bevorstehenden Schlägerei. Diese temperamenten, witzigen Burschen, hart im Fußballspiel, verwegen beim Prügeln und in der Liebe; unermüdlich in der Arbeit, waren treu wie Gold, immer bereit, einander beizustehen. Und ein- oder zweimal in der Woche trafen sie sich im Männergesangverein. Sie. waren Meister im Fluchen, aber im Chor sangen sie Lieder vom zarten Mondschein und blauen Blümelein. Sie nannten daheim ihre Mutter mit rauher Zärtlichkeit "Olle", aber im Chor sangen sie, wobei Tenor- und Baritonsoli wechselten, vom "Lieb, lieb Müt–ter–lein" ... Teufel noch eins, wir haben prächtige Kerle kennengelernt, damals als wir Werkstudenten waren!

"Ich bin nicht freiwillig gekommen"

"Werkstudenten!" sagt der junge Mann und schiebt sein Schreibheft ärgerlich beiseite. "Werkstudent – pah, das war nichts! Das war vielleicht ein Sport für Sie, ein Vergnügen. Sie sind damals freiwillig ins Bergwerk gegangen für ein paar kurze Wochen oder Monate und wußten, wann Sie in den Hörsaal zurück konnten. Aber ich? Vor mir haben sie den Hörsaal zugesperrt, ich bin nicht freiwillig hierhergekommen, ich weiß auch nicht, wie lange ich aushalten muß. Fragen Sie bitte nicht, wieso!"