Seit dem Januar 1945 zieht unaufhaltsam ein breiter Strom von Flüchtlingen über die Oder–Neiße-Linie. Tag für Tag, Woche um Woche, seit 19 Monaten. Es sind etwa 13 bis 14 Millionen Menschen, so lautet die amtliche Schätzung, das ist annähernd das Doppelte der Einwohnerzahl Australiens! Wir haben uns in dem Jahrhundert der Massen und großen Zahlen an den Begriff "Millionen Menschen" gewöhnt. Millionen sind im Laufe der Jahrhunderte ausgewandert, Millionen in Asien verhungert, in den beiden Weltkriegen Millionen gefallen – aber die Vorstellung, daß 14 Millionen Einzelschicksale in weniger als zwei Jahren ihrer Existenz und ihrer menschlichen Individualität, ihrer Vergangenheit und Zukunft beraubt wurden und nun die Kategorie Flüchtlinge bilden, übersteigt doch jedes Fassungsvermögen.

So mag die Lähmung begreiflich sein, die angesichts dieses Problems die Menschen und Behörden in den engen Grenzen des Potsdamer Restdeutschlands befallen hat. Und doch bleibt es unverständlich, daß während dieser ganzen Zeit die Flüchtlingsfrage immer nur peripherisch behandelt worden ist, ja, daß noch nicht einmal eine Zentralinstanz geschaffen ist, die die planvolle Lenkung dieses Stromes übernimmt. Die Folge davon ist, daß die Belastung der einzelnen Zonen so verschieden ist, daß dadurch innerhalb des Gesamtproblems neue Schwierigkeiten entstehen, die gar nicht zu lösen sind.

Die Wohnbevölkerung der drei westlichen Zonen hat am 1. Juli 1946 gegenüber 1939 durch die Flüchtlinge (ohne Evakuierte) einen Zuwachs erfahren von: 0,8 v. H. in der französischen, 14 v. H. in der amerikanischen und 16 v. H. in der englischen Zone. Dabei muß man sich vor Augen halten, daß in der englischen Zone der Wohnraum zu 60 v. H. zerstört ist, während die Ermittlungen für die amerikanische Zone nur 19 v. H. Zerstörungen ergeben haben. Das Fehlen einer einheitlichen zentralen Regierung in Deutschland ist also auch auf diesem Gebiet in verheerender Weise spürbar. Wenn diesem Mangel aus politischen Gründen nicht abgeholfen werden kann, so ist aber zumindest nicht zu rechtfertigen, daß es innerhalb der britischen Zone – übrigens als der einzigen der drei westlichen – keine Zentralstelle für Flüchtlingsorganisation gibt: Die Länder und Provinzen der britischen Zone wissen bis heute noch nicht einmal, wieviel Flüchtlinge sich innerhalb ihrer Grenzen befinden, geschweige denn, wie diese Millionenzahlen sich aufgliedern: wieviel Männer, Frauen und Kinder, wieviel Arbeitsfähige, was für Berufe usw. Und doch kann eine wirksame Auseinandersetzung mit diesem Problem und der Versuch einer Eingliederung der Zugewanderten ohne diese Vorarbeit gar nicht in Angriff genommen werden.

Darum ist die dringendste Forderung die Schaffung eines Zentralflüchtlingsamts, das eine einheitlich aufgebaute Behörde an die Stelle der bisher mehr oder weniger plan- und einflußlosen Organisationen von Landesflüchtlingsämtern, Wohlfahrtsabteilungen usw. setzt, die alle aus verschiedenen Voraussetzungen erwachsen sind und deren Kompetenzen keineswegs einheitlich geregelt wurden. Zu welch grotesken Situationen dieser Zustand führt, – wird verdeutlicht durch die seit Wochen zwischen den großen Wohlfahrtsverbänden schwebenden Verhandlungen über die Frage, wer für die Verteilung der Liebesgabenpäckchen zuständig sei, die für die britische Zone bestimmt sind und die z. T. schon seit dem 1. Juli in Bremen liegen und auf den Ausgang dieses edlen Wettstreits warten.

Ein Land wie Schleswig-Holstein, das mit heute etwa 1,6 Millionen zugewanderter Flüchtlinge seine Wohnbevölkerung mehr als verdoppelt hat, kann den daraus sich ergebenden Problemen, im Rahmen der normalen Verwaltung gar nicht gerecht werden. Es muß, wie dies in der amerikanischen Zone durch Ernennung der Staatskommissare für das Flüchtlingswesen in durchaus vorbildlicher Weise geschehen ist, eine starke Zentralisierung der Flüchtlingsorganisation durchgeführt werden; es genügt nicht, den Landratsämtern und Regierungsbezirken Sonderausschüsse anzugliedern, weil das Beharrungsvermögen der einheimischen Verwaltung und ihre begreiflicherweise selbsterhaltenden – um nicht zu sagen egoistischen – Gesichtspunkte dazu führen, daß diese "Flüchtlingsämter" eher zu einer Schutzwehr gegen den alles erdrückenden Strom der Flüchtlinge als zu einer Hilfsorganisation für die Heimatlosen ausgebaut werden. Dies kam beispielsweise bei der Tagung der Flüchtlingsämter in Lüneburg zum Ausdruck, die den Begriff "Flüchtling" dergestalt definieren wollten, daß Flüchtling nur der sei, der aus den mutmaßlich nicht beim Deutschen Reich verbleibenden Gebieten stamme und auch nur so lange, bis er ein notdürftiges Unterkommen gefunden habe, alsdann sei auch dieser Flüchtling Bürger des neuen Gastlandes,

Die Aufgaben eines solchen Zonenflüchtlingsamtes würden sehr mannigfaltige sein. Es muß beispielsweise geprüft werden, ob nicht eine Auflockerung in der Flüchtlingsverteilung, entsprechend der tatsächlichen Aufnahmefähigkeit der einzelnen Länder und Gebiete, vorgenommen werden kann. Es muß ferner festgestellt werden, inwieweit insbesondere bei Mangelberufen einsatzfähige Flüchtlinge wieder in die Produktion eingegliedert werden können; auch für die Betreuung der Flüchtlinge bietet sich über dem Rahmen dessen, was heute geschieht, ein reiches Feld der Tätigkeit. Hierbei müßte von dem Grundsatz ausgegangen werden, daß es sich nicht um ein soziales Problem handelt, das durch Wohlfahrtsfürsorge und – organisiertes Mitleid behoben bzw. erleichtert werden kann, sondern in erster Linie um eine Rechtsfrage. Es ist nicht einzusehen, warum nur die Ostflüchtlinge die Totalgeschädigten dieses Krieges sein sollten. Ein gewisser Lastenausgleich als Rechtsanspruch und nicht nur aus Billigkeitserwägungen ist unbedingt erforderlich.

Wenn es auch zunächst nicht möglich sein wird, irgendwelche Entschädigungen für verlorene Substanz zu gewähren, so läßt, sich doch schon heute auf verschiedenen Gebieten ein. Lastenausgleich herbeiführen. Beispielsweise durch bevorzugte Versorgung der Flüchtlinge mit Bedarfsgütern aller Art. In der amerikanischen Zone sind in Bayern 70 v. H., in Großhessen sogar 75 v. H. der Textil-, Schuh- und Hausratserzeugung für Evakuierte und Flüchtlinge beschlagnahmt und den Regierungskommissaren zur Verteilung zugewiesen worden.