Der amerikanische Außenminister Byrnes hat aufs neue, diesmal in Paris, über die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber Europa gesprochen. Während Byrnes bei seiner Rede in Stuttgart sich im wesentlichen mit dem deutschen Problem im Hinblick auf die Befriedung Europas befaßte, hat er sich diesmal hauptsächlich an Frankreich gewandt.

Der gemeinsame Grundzug beider Reden ist die Feststellung, die amerikanische Außenpolitik habe ein für allemal erkannt, daß die Vereinigten Staaten sich nicht isolieren können, sondern entschlossen sind, mit ganzer Kraft an der Sicherung des Weltfriedens mitzuwirken. Dies sei die Außenpolitik Roosevelts schon bei Ausbruch des Großen Krieges gewesen, und Präsident Truman habe erst vor kurzem wieder und in überzeugender Weise seinen Entschluß bekanntgegeben, diese Außenpolitik fortzuführen. Es handele sich nicht etwa nur um die Außenpolitik der jetzt an der Macht befindlichen demokratischen Partei, so betonte Byrnes, sondern um amerikanische Außenpolitik schlechthin, wofür er als Zeugnis anführen kennte, daß ausschlaggebende Außenpolitiker der republikanischen Partei an allen wichtigen Konferenzen der UNO seit ihrer Gründung in San Franzisko teilgenommen haben. Dies zu unterstreichen mag Byrnes deswegen wichtig gewesen sein, da es durchaus möglich ist, daß bei den bevorstehenden Kongreßwahlen im nächsten Monat die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus erzielen.

Amerika will sich nicht etwa darauf beschränken, falls es notwendig sein sollte, einem durch einen Angriffskrieg bedrohten Lande zu Hilfe zu eilen; es ist entschlossen, mit ganzer Macht daran mitzuarbeiten, daß es überhaupt nicht erst zum Ausbruch derartiger Konflikte kommen kann. Dies war an die besondere Adresse Frankreichs gerichtet, und Byrnes versprach darüber hinaus, daß sich – auch ohne ausdrückliche rechtliche Abmachung – die Vereinigten Staaten wie bisher, so auch in der Zukunft in kritischen Zeiten an der Seite Frankreichs befinden würden; denn Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, diese Grundrechte des Menschengeschlechts seien die gemeinsamen Ideale Frankreichs und Amerikas. Byrnes verschloß keineswegs die Augen vor den Unterlassungssünden der amerikanischen Außenpolitik zwischen den beiden Weltkriegen. Vergeblich hatte beispielsweise das französische Volk nach dem Ende des ersten Weltkrieges darauf gehofft, die Vereinigten Staaten möchten ihm die neuen Grenzen von 1919 garantieren, was jedoch am Zaudern der Amerikaner scheiterte. Feierlich versprach Byrnes, daß sich solche Fälle nicht wiederholen würden.

Das französische Volk soll davon überzeugt werden, daß Amerika für das Sicherheitsbedürfnis Frankreichs nicht nur volles Verständnis hat, sondern sich auch mit seiner ganzen Macht für die Sicherheit Frankreichs im neuen Europa einsetzen wird. Das ist die politische Bedeutung von Byrnes’ Pariser Rede. Um jenes Ziel zu erreichen, verwies Byrnes noch einmal auf seinen früheren Vorschlag, durch eine von Amerika, England, Frankreich und Rußland unterzeichnete Viermächtegarantie Deutschland für einen Zeitraum von vierzig Jahren so zu kontrollieren, daß es als militärischer Faktor nicht Wieder in Betracht kommt. Die Sowjetunion fordert Byrnes auf, ihren Standpunkt zu überprüfen und nicht in der ablehnenden Haltung gegenüber diesem Garantiepakt zu verharren.

Ob der neuerliche Appell an die Sowjetunion, an der Befriedung Europas auf diesem Wege teilzunehmen, sich im November auswirken wird, wenn die Außenminister zur Beratung über Deutschlands Schicksal zusammentreten? Die angelsächsischen und europäischen Staatsmänner werden sich im andern Falle mit Lösungsversuchen befassen müssen, wie sie beispielsweise Churchill in seiner Züricher Universitätsrede entworfen hat, deren Kernstück eine deutsch-französische Partnerschaft zur Befriedung Europas beschwor.