Von Alfried Gymnich

Kürzlich erhielt ich eine der ersten Neuerscheinungenauf dem Büchermarkt. Es war nur ein schmales, unterernährtes Bändchen, in dürftig, kartoniertem Gewande – ein echtes Kind dieser Zeit. Eine kleine Sammlung deutscher Gedichte. Ich suchte nach einem Ehrenplatz und fand keinen besseren als die Nachbarschaft eines ähnlich schmächtigen Bändchens, das allerdings in vornehmem bordeauxrotem Saffianleder und Goldschnitt prangte.Es war Heines Buch der Lieder, eine Ausgabe für den Bibliophilen aus dem Ein de siècle, einer längst vergangenen Epoche sentimentaler Romantik.

Dieses Exemplar ist eine Liebhaberausgabe im doppelten Sinne. Auf dem Titelblatt stehen in verblaßter kalligraphischer Schrift die verschnörkelten Worte: "Meiner geliebten Mathilde in ewiger und unverbrüchlicher Liebe von ihrem Eduard."Die schwülstige Versicherung bringt jedesmal elegische Saiten in mir zum Schwingen; Wo mögen die beiden Menschen geblieben sein, Eduard, der im Überschwang seiner Sturm- und Drangperiode das alte und immer neue Versprechen leichtfertig niederschrieb, und Mathilde, deren Herz sich an diesen Worten berauschte? Was kündet noch von ihrer Liebe außer diesen vergilbten Schriftzügen?

Sooft mein Blick auf dieses Büchlein fällt, muß ich daran denken, daß auch Bücher, ihre Schicksale haben. Der ungewöhnliche Weg, auf dem das Büchlein in meinen Besitz gelangt ist, macht die Rechtslage kompliziert, und ich bin mir nicht klar darüber, ob ich es gestohlen, gefunden oder gerettet habe.

Man sieht dem Buch sein Schicksal an. Die oberen Ecken sind leicht angesengt und verraten, daß die lyrischen Ergüsse eines übervollen Herzens nur um Haaresbreite dem Feuertod entronnen sind. Aber diese Brandmale sind Ehrenmale. Denn 1933 wurde dieses Exemplar der Heine-Lieder bei einer öffentlichen Bücherverbrennung dem Flammentode überantwortet. Ich war dessen Zeuge und starrte in die feurige Lohe. Da rutschte das rote Bändchen vom Scheiterhaufen herab, geradeswegs vor meine Füße. Ich wagte es, vorsichtig mit dem Fuß nach dem Buch zu tasten. Unbemerkt zog ich es näher heran, ließ mein Taschentuch darüberfallen und verbarg meinen Raub darin. So kam das Buch der Lieder in meinen Besitz.

Seit jenem Tage steht es zwischen anderen im Dritten Reich verboten gewesenen Büchern. Sie standen immer dort, diese aufrechten Streiter des Geistes, haben ihren Platz nie verlassen.