Von Rudolf Krämer

Im frühen Herbst Jahre ich mit den beiden ältesten Söhnen ins Nachbarstädtchen. Zitternd vor Lust drücken sie sich an den Scheiben des Wagens die Nasen platt. Sie lieben die Eisenbahn mit der ganzen Leidenschaft ihrer acht und sechs Jahre. Oft denke ich, Kinder lieben und schwärmen nachhaltiger als wir. Einer blickt links hinaus auf die Wiesen und Weinberge, der andere mit glänzendem Blick hängt rechts am spiegelglatten Strom, ich sitze reich in der Mitte.

Wir gehen zu Fuß zurück durch Felder und Weingärten, – Wingerte sagen sie hier. Die weite Mulde, die der Rhein vor alter Zeit aus dem Bergzug schwemmte, hat einen kosenden Atem für uns gesammelt, und die Sonne steht schräg oben am Himmel und wärmt uns wohl. Heut ist einer der seltenen Tage, wo wir bemerken und loben, daß sie wärmt. Meist denken wir später an sie zurück. So sind wir Menschen.

Der Wein beginnt zu reifen. Ich zeige den Kindern die Trauben, die uns für diesmal nicht viel versprechen. Die Wirren haben dem Winzer verboten, den Wingert zu pflegen.

"Was sind das für Vögel?" ruft der Älteste. Ich sehe sie kaum. Es ist ein Schwarm Stare, der schwingend über die Weingärten huscht, graugrün gegen den graugrünen Berghang. Auf einmal blitzt es wie silberne Erinnerung über den Schwarm, in einer Wendung fangen die Vögel alle zugleich einen Sonnenblitz auf. Und jetzt stoßen sie in plötzlichem Entschluß allesamt schwarz in einen Weingarten nieder. Gedankenschnell ist der Husch, und die Liebhaber der Trauben sind verschwunden. Die Kinder stehen mit offenem Mund und staunen, auch ich vergesse mich an das Schauspiel.

"Wo sind sie?" rufen sie beide.

"Sie kommen wieder."