Ich kann dem deutschen Volk die bestimmte Hoffnung geben, daß im kommenden Frühjahr der Tiefpunkt überwunden sein wird, vorausgesetzt, daß das deutsche Volk den Mut und die Initiative besitzt, angesichts der größten Schwierigkeiten im kommenden Winter weiterhin schwer zu arbeiten." Diese Sätze sprach vor wenigen Tagen ein hoher englischer Offizier in Minden vor Vertretern der deutschen und englischen Presse. Wir haben ähnliche Worte im vorigen Herbst gehört, und so ist es von großem Interesse, die Gründe zu erfahren, die den Sprecher bewogen haben, eine so günstige Prognose zu stellen.

Zwei Gründe unmittelbar wirtschaftlicher Natur werden angeführt: Die Besserung der Lebensmittellage und der wirtschaftliche Zusammenschluß der britischen und amerikanischen Zone. Ein dritter hat seine Wurzeln in psychologischen Erwägungen, die erst mittelbar wirtschaftliche Ergebnisse zeitigen können. Infolge der Auswirkungen von fünf Jahren Krieg seien die Ansichten, der Siegermächte über Deutschland im gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres noch nicht geklärt gewesen. Jetzt hingegen sei eine radikale Änderung der Weltmeinung erfolgt, jetzt sei man der Meinung, daß ein wirtschaftlich gesundes Deutschland für Mitteleuropa eine Lebensnotwendigkeit bedeute.

Dieser letzte Grund scheint uns der wichtigste, denn er verweist auf den Ursprung der beklagenswerten Entwicklung, nämlich die Beschlüsse von Potsdam, bei denen in einem dunklen Moment des Zornes und der Verwirrung die Grundsätze der Atlantik-Charta aufgegeben wurden, wie Lord Beveridge in der Ansprache sagte, die er nach seiner Rückkehr aus Deutschland im britischen Rundfunk hielt. Der "Industrieplan", der die wirtschaftlichen Bestimmungen des Abkommens verkörpert, beruht auf militärischen Gesichtspunkten; er soll verhindern, daß Deutschland jemals wieder aufrüsten kann. Er verbietet daher jegliche Fabrikation, die unter Umständen auch auf Kriegszwecke umgestellt werden könnte, ohne in Betracht zu ziehen, daß das gleiche Ziel auch durch eine internationale Kontrolle auf lange Zeit zu erreichen wäre, so wie es Byrnes später in Paris vorgeschlagen hat. Der Industrieplan geht also vom "Kriegspotential" aus statt vom "Friedenspotential" von der Beschränkung statt vom Aufbau einer völlig darniederliegenden Wirtschaft. Das praktische Ergebnis waren die Bestimmungen über die Demontage deutscher Werke und die Festlegung von Beschränkungen ohne Rücksicht auf den deutschen Bedarf. Hier also müßten wir eine erste Wandlung erwarten

Die Potsdamer Beschlüsse sind von den drei Siegerstaaten England, Amerika und Rußland gefaßt worden. Rußland führt die Demontagen am schärfsten durch. Gleichzeitig nimmt es in großem Maße den Export von Waren auf Reparationskonto vor, ohne sich an die Voraussetzungen zu halten, daß Reparationen aus der verbleibenden Produktion erst eingezogen werden sollten, wenn der deutsche Bedarf aller Zonen hinsichtlich der Waren,’ die exportiert werden müssen, um die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen zu bezahlen, gedeckt worden ist. Diese notwendige Grundlage einer wirtschaftlichen Einheit. Deutschlands wird von Rußland verhindert. Hier werden also nicht einmal die Bestimmungen des Potsdamer Planes ausgeführt.

Wie steht es nun mit der angekündigten Wandlung in den westlichen Zonen? Soeben hat das Werk Imhausen & Co. in Witten a. d. Ruhr, eine moderne Fabrik zur Herstellung von synthetischem Fett auf Kohlegrundlage, den Demontagen bescheid erhalten. Das Werk ist imstande, monatlich 3600 dz hochwertiges Fett für die menschliche Ernährung zu produzieren. Das gleiche Schicksal soll die Sodafabrik Matthes & Weber A.-G. in Duisburg treffen, die der Hauptrohstofflieferant für Henkels "Persil" und alle anderen Waschmittelerzeuger ist. Es ist ferner gemeldet worden, daß 38 Prozent der bestehenden Zementwerke in der britischen Zone abzubrechen sind. Die jährlich zulässige Produktion von Zement ist durch die Kontroll-Kommission auf 8 Mill. t für alle vier Zonen festgesetzt worden, eine Zahl, die für den riesigen deutschen Bedarf an Baustoffen viel zu gering ist. Die Russen haben sämtliche großen Werke in ihrer Zone abmontiert, so daß, sobald einmal der eiserne Vorhang sich hebt, die russische Zone vom Westen mit versorgt werden muß. Bei der Berechnung der Kapazität ist man von der Friedensproduktion ausgegangen ohne Rücksicht auf die geminderte Leistungsfähigkeit der Werke infolge mittelbarer und unmittelbarer Kriegsschäden. Die wirkliche Kapazität beträgt wahrscheinlich nur 65 Prozent. Mit der restlichen Industrie könnte also die freigegebene und viel zu geringe Menge von 4 Mill. t für die britische Zone überhaupt nicht erreicht werden. Es kommt hinzu, daß diese Industrie besonders standortgebunden ist. Zahlreiche kleine Gemeinden leben ausschließlich von der Arbeit in diesen Fabriken. Wieder würden also geschlossene Bevölkerungseinheiten brotlos werden. Dennoch soll die Demontage durchgeführt werden

Ein anderes Beispiel: Durch Verordnung des Kontrollrats ist der Bau von 100 Fischdampfern für Deutschland genehmigt, jedoch gleichzeitig die Größe der Schiffe auf 350 BRT beschränkt worden. Eine wirtschaftlich vernünftige Größe beginnt aber erst mit 500 BRT. Nur solche Schiffe können den Nordatlantik, in dem sich die ergiebigen Fischgründe befinden, mit Sicherheit befahren. Nur bei einer solchen Größe ist ein tragbares Verhältnis zwischen Bau- bzw. Betriebskosten und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gewährleistet.

Diese Beispiele mögen für viele stehen. Sie zeigen mit erschreckender Deutlichkeit zweierlei: Durch die Demontagen werden – auf Grund übereilter Beschlüsse, und unvollständiger Statistiken – Industrien zerstört, die dringend gebraucht werden. Angesichts der zertrümmerten Städte ist es begreiflich, wenn wir fragen, warum man die Produktion eines Baustoffes, der für den Wiederaufbau Deutschlands so unentbehrlich ist, überhaupt verringert. Die Beschränkung im Bau von Fischdampfern erweist deutlich, daß bei den Restriktionen auf die Wirtschaftlichkeit des Betriebes keine Rücksicht genommen wird. Das gilt in gleichem Maße für größte Teile der deutschen Industrie. In der Stahlproduktion beispielsweise sind infolge der geringen Ausnutzungsmöglichkeiten der Anlagen die Unkosten um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Damit ist nicht nur jeder Gewinn fortgefallen, die Werke arbeiten vielmehr mit Verlust, und es ist abzusehen, daß die finanzielle Substanz bald erschöpft sein wird. Es müßten also baldige, grundsätzliche und drastische Änderungen in den Folgen der Potsdamer Beschlüsse eintreten, wenn sich dies bis zum nächsten Frühjahr noch auswirken soll.